…erster Schritt zur Normalität?

Reis zu pflanzen und zu ernten ist ein Job, der den Rücken beugt und das Gemüt. Die alte Frau, die am Nebentisch aß in Bangkok, hatte das nicht vergessen. Es muss Ende 2008 gewesen sein, zu Beginn meiner Zeit in Thailand, als ich zufällig mitbekam, wie ein Reiskorn vom Teller der alten Frau auf den Boden fiel. Sie beugte sich hinunter, legte die Handflächen zusammen und machte den Wai – eine Geste der Wertschätzung, die mich tief beeindruckte.

Essen ist die wahre Obsession der Thais. Daher sah ich in meinen elf Jahren hier kein traurigeres Bild als die langen Schlangen in meiner Wahlheimat Chiang Mai und anderswo, in denen bedürftige Thais für Lebensmittelspenden anstanden. Menschen, die seit je von der Hand in den Mund leben und nun, ohne Job und Einkommen, nichts mehr hatten, um es mit der Hand zum Mund zu führen.

Daher freue ich mich für alle, die mit der heutigen Öffnung der Märkte, Restaurants, Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Sportkomplexe, öffentlichen Parks, Schönheitssalons und Tierhandlungen wieder die Chance bekommen, Geld zu verdienen. Seltsamerweise sah ich jedoch bei meinem heutigen Spaziergang im Zentrum Chiang Mais nicht mehr Menschen in den Geschäften als in den Wochen des Lockdowns.

Foto: Tempo.Co

Vielleicht habe ich auch nur den Moment verpasst, da die Menschen die Aufhebung des wochenlangen Alkoholverbots begrüßten. In einem Supermarkt rückten Durstige gar mit einem Gabelstapler an, manche Kunden ließen die Flaschen links stehen und suchten nach Paletten. Hamsterkäufe auf hochprozentigem Niveau, vermutlich der Angst vor der Wankelmut der Politiker geschuldet, die über Nacht ihre Meinung wieder ändern könnten.

Die Herausforderung

Die Zahl der Selbstmorde übertrifft in Thailand inzwischen die der „Corona-Toten“; die Armut hat drastisch zugenommen. Beides wirft die zentrale Frage dieser Tage auf, die von Politikern und Virologen nie zum Gefallen aller beantwortet werden kann: Werden mehr Menschen durch das Virus sterben oder wegen der Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft?

Das Risiko vorsichtiger Öffnungen fürchten Thailands Politiker so wie ihre deutschen Kollegen, auch wenn sie sonst nichts verbindet. Dank diverser Feiertage ist dieses Wochenende in Thailand ein sehr langes; mit Brückentag erstreckt es sich über sechs Tage. Dieser Verlockung wollten sich Tausende Thais nicht in den Weg stellen. Ungeachtet der von der Regierung empfohlenen Reisebeschränkungen starteten sie in kilometerlangen Autoschlangen zu einem Besuch ihrer Familien in den Heimatprovinzen.

Das Magazin „Manager Online“ meldete Staus an Urlaubsorten und Menschenmengen an Stränden, die jegliche soziale Distanzierung ignorierten. Der eigentlich geschlossene Strand von Krating Lai in der Nähe Pattayas war voller Menschen, die Schalentiere sammelten.

Ständig wachsende Zahl der Hobby-Virologen

Im Zuge der Pandemie haben einige deutsch-thailändische Facebook-Foren eine erstaunliche Zahl von Hobby-Virologen und Epidemiologie-Experten humoris causa produziert, die ultimative Einschätzungen nur so aus der Hüfte schießen. Das Schweizer Online-Magazin „Republik“ stellte gar – etwas überspitzt – fest, dass „die Pandemie die Menschen in zwei Arten teilt: Eso-Hippies und halbe Nazis.“

Thailands Natur atmet auf

Mit bloßem Auge können wir in Thailand verfolgen, wie schnell sich die Natur erholt, wenn wir sie in Ruhe lassen. Die Ranger im Khao-Yai-Nationalpark, dem ältesten Nationalpark des Landes, berichten, dass sich deutlich mehr Tiere aus der Deckung trauen. Haie schwammen in der berühmten Maya-Bucht vor Koh Phi Phi, Dugongs (Seekühe) nahe Trang, Delfine, Meeresschildkröten in Thailands südlichen Gewässern, wo sich die Korallen prima erholen.

Die Erde kommt also offensichtlich sehr gut ohne uns aus. Daher geht es bei der Bekämpfung des Klimawandels nicht darum, den Planeten zu retten. Sondern uns.

Querpass: Was wird aus dem Business Fußball?

Dank moderner Kommunikationstechnologie lebt jeder Auswanderer heute in zwei Welten: In seiner Wahlheimat und vernetzt mit seiner Heimat. Auf diese Weise bleiben wir in Thailand auch beim Thema Fußball-Bundesliga auf Ballhöhe.

Wir wissen nicht, ob die Klub-Verantwortlichen aus Überzeugung oder in situativer Demut der These zustimmen, dass es mit dem (Profi)Fußball nicht so weitergehen kann wie bisher. Zumindest bleibt fraglich, ob die Fans die bisherigen Ablösesummen, Spielergehälter und Beraterhonorare auch in Zukunft tolerieren werden.

Ewald Lienen hat das System,  in dem er seit Langem lebt und das nicht schlecht, immer kritisch hinterfragt. Nun äußerte er sich auch zur aktuellen Situation. Gewohnt zurückhaltend nennt er im Sportschau-Video den neoliberalen Ansatz des modernen Fußballgeschäfts „geisteskrank“.

Zwei Randnotizen zum Schluss

Auch Medien fallen dem Virus zum Opfer. Nach 35 Jahren ist die Mai-Ausgabe des Magazins Abenteuer und Reisen die vorerst letzte. Mich hat das Magazin zu einigen Zielen und Reisen verführt. Chefredakteur Pfänder will die Marke zunächst mit einigen seiner bisherigen KollegInnen online weiterführen.

Ausgesprochen erhellend fand ich die Meldung: Fachleute sollen Management der THAI Airways übernehmen.

Da fragen wir uns doch alle: Wer hat die Fluglinie bisher geführt?