„Life is about creating yourself“

Bob Dylan

„Mir schien, als könnte ich mich selbst erneuern mit einer langen Reise in ein weit entferntes Land. Ich reiste in den Fernen Osten. Ich ging, um Abenteuer zu erleben und eine Liebesgeschichte. Und dann fand ich beides. Aber ich habe auch etwas gefunden, was ich nie erwartet hätte: Ein neues Selbst.“

Somerset Maugham
In den Tropen: Angekommen (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

In einem fremden Land

„Ich kann mir vorstellen, dort einmal zu leben“, sagte ich zu meinem Freund Klaus. Kurz vor Silvester 1994 war ich zurück von meiner ersten Thailandreise, vier Wochen hatte sie gedauert, im Rucksack nahmen die Bücher noch den meisten Platz ein. An den Stränden von Koh Samui, Koh Phangan und Koh Tao hatte ich ein Lebensgefühl entdeckt, das ich nicht kannte. Plötzlich passte ich besser zu mir selbst. In Indien heißt es: Wenn du ganz bei dir selbst bist, überwindest du die Zeit.

Wir alle sind die Summe unserer Entscheidungen. In meinem Leben waren viele richtig, etliche sogar vernünftig, manche falsch und ein paar auch dämlich. Die übliche Mischung also. Unterm Strich führten alle meine Entscheidungen dazu, dass ich Deutschland verließ und nach Südostasien auswanderte. 

Restart: Mein neues Leben in Thailand begann 2008. Freund Klaus erinnerte mich an meinen Satz von damals – ich hatte ihn vergessen. Doch nach 13 Jahren war ich endlich da, wo das Wetter zu meinen Klamotten passte.

I’m going where the sun keeps shining

Through the pouring rain

Going where the weather suits my clothes

Harry Nilsson, „Everybody`s talking“

Von Hamm nach Chiang Mai – ein langer Trip

So steht es in meinem Facebook-Profil. Kurz und knackig, Start und Ziel. Kein Wort über den Weg. Nur die groben Koordinaten: Geboren in einer westälischen Provinzstadt, auf der Zielgeraden gelandet in einer thailändischen Provinzstadt. Ziemlich viel Provinz, fällt mir gerade auf.

„Das soll einer verstehen“, sagte Bodo Förster, der Elefantentrainer. Wir saßen zusammen in Mae Sapok, dem Sitz seines Unternehmens Elephant Special Tours, und besprachen ein Kapitel seiner Autobiografie („Ein Leben für die Elefanten“).  „Dass ich hier eines Tages aufschlagen würde, war ja klar“, fuhr Bodo fort, „schließlich wollte ich mit Elefanten in Thaland arbeiten. Aber was hat dich, einen Sportjournalisten, in diese Ecke der Welt getrieben?“

Mit Bodo (rechts) und Klaus 2010

Das Problem ist, dass du denkst, du hast Zeit (Buddha)

Eine Konfrontation mit dem Tod in jungen Jahren wurde zur Quelle eines Durstes, der nur mit Überschwemmungen zu löschen war. Die Zukunft war nicht mehr endlos. Ich wollte keine Zeit mehr verschwenden, ich wollte sie erst recht nicht mehr totschlagen.

„Du bist ein Suchender“ – wie oft habe ich diesen Satz gehört. Viele suchen ihren Platz im Leben, doch ich wollte vor allem erleben. Augenblicke. Unvorhergesehenes. Vielleicht gehöre ich ja zu dieser Generation, die im Kopf nie wirklich alt wird und immer in Optionen denkt. Die Altersvorsorge regeln wir dann morgen.

Vor allem wollte ich nicht eines späten Tages meine Versäumnisse bedauern. In „Wenn ich noch einmal leben könnte“ sagt der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges:

„Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben, nur aus Augenblicken. Vergiß nicht das Jetzt!“

Der Alte sucht das Weite

Meine Träume kannte ich, ich nahm sie ernst, lebte an ihnen entlang. Immer dem Jetzt zugetan, frei nach der Devise: Heute hier und morgen gestern. Meine Neugier kannte keine Grenzen, nicht thematisch, nicht geografisch, und Unterwegssein war wichtiger als Ankommen. 

Kurz vor meinem 60. Geburtstag schlug ich in Bangkok auf, im September 2008, als Auswanderer. In diesem Alter noch das Weite zu suchen, hielten Freunde und Kollegen für mutig. Doch mich reizte schon als Kind, was weit entfernt war und fremd. So wie die Vorstellung, einmal für ein paar Jahre im Ausland zu leben. Und welche Chancen lagen vor mir, noch einmal alle Routinen aufzugeben! Ich musste nur noch die Handbremse lösen, Vollgas war gar nicht nötig.

Nach zahlreichen Aufenthalten zwischen 1994 und 2007 war ich mir sicher, Thailand ganz gut zu kennen und die Hauptstadt Bangkok ein wenig.

Ich wusste nichts.

Die Lizenz zum Auswandern

Willkommen in Fernost

In seinem Roman „Stunde Null in Phnom Penh“ schildert Christopher G. Moore einen Westler, der daran verzweifelt, Asien und die Asiaten zu verstehen: „Nach zehn Jahren in Asien dachte ich, ich hätte an der Oberfläche gekratzt. Nach zwanzig Jahren merkte ich: Es gibt nicht einmal eine Oberfläche.“

Navin Rawanchaikul: Super(M)art Bangkok Survivor (Ausschnitt – Maiiam Museum Chiang Mai)

Das Leben in Thailand ist von unserer mitteleuropäischen Kultur, Mentalität und Lebensart deutlich weiter entfernt als die 9000 Kilometer Luftlinie. Viel weiter auch, als ein Urlauber in wenigen Wochen mitbekommen kann. 

Die erste Lektion

In neuer Umgebung merkte ich schnell, wie sich Auswandern in der Realität anfühlt. Ich war noch in der ersten, der euphorischen Phase, als ich Asiens wichtigste Lektion lernte: Sei jederzeit auf alles gefasst.

Silvester 2008/09 – Bangkok

Seit drei Monaten lebte ich in Krung Thep, so nennen die Thais ihre Hauptstadt, die „Stadt der Engel“. Den Jahreswechsel feierte ich mit den Fußballern der German All Stars Bangkok in Bennis Beach Bar. Benni war der Spielmacher der All Stars, seine Bar stand im Stadtteil Ekamai, im fünften Stock eines Geschäftshauses. Eine ungewöhnliche Location für eine Strandbar, doch der Gastgeber hatte reichlich Sand aufschütten lassen. Nach fünf Bier und drei Johnnie Walker Black Label hörte mancher sogar das Meer rauschen. 

Fotos: Timo Stiegler/German All Stars Bangkok

Um Mitternacht knallten die Korken und die Chinakracher. Sekunden später das Inferno. Wir schauten über die Brüstung und sahen unten auf der Straße Krankenwagen und Polizeifahrzeuge dahinrasen, ihre Sirenen eine Folter fürs Trommelfell. Dann schauten wir nach vorne: Zweihundert Meter entfernt brannte die Diskothek „Santika“. Lichterloh.

Foto: AFP/Sakchai Lalit

Die Notausgänge waren versperrt, damit nur ja kein Gast die Zeche prellen und verschwinden konnte. Im Fernsehen sahen wir später schreiende Frauen und Männer, deren Arme und Hände durch vergitterte Fenster ins Leere griffen. Es gab kein Entkommen – die Feuerwehrleute hatten keine Kettensägen dabei.

66 junge Menschen starben. Schon vorher stand fest, dass die Disco nach dieser Nacht den Betrieb einstellen würde. Einige Medien stellten Fragen: War es Versicherungsbetrug? Hielt eine „einflussreiche Persönlichkeit“ Anteile am „Santika“? Sieben Jahre nach dem Brand wurde der Betreiber der Disco zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

1. Januar 2009 – Bangkok

In der Nacht darauf saß ich mit FreundInnen vor der Go-Go-Bar „Tilac“ in der Soi Cowboy, einem der nächtlichen Epizentren Bangkoks. Die German All Stars hatten das „Tilac“ („Liebling“) zum inoffiziellen Klublokal erkoren, Chef Andy ist Frankfurter und Fan der Eintracht.

Wir sprachen über die „Santika“-Tragödie, da quoll schräg gegenüber Rauch aus den Fenstern des ersten Stocks. In den Zimmern über dem „Rawhide“-Nachtclub war ein Feuer ausgebrochen, Barfrauen und ihre Kunden kletterten an der Außenfassade herab. „Brennt es in Bangok eigentlich jeden Tag?“, fragte ich in die Runde. 

Juli 2009: Von Vientiane nach Luang Prabang

Mein erster Besuch in Laos. Im Restaurant Khop Chai Deu in Vientiane kam ich mit einem Amerikaner ins Gespräch, einem alten Asien-Hasen. Als er hörte, dass ich am nächsten Tag mit Lao Airlines nach Luang Prabang fliegen würde, meinte er: „Sieh bloß zu, dass du die ATR 72-202-Turboprop erwischst und nicht die Harbin Y-12 II.“ „Warum?“ „Die Harbin kommt aus China, diesen Kisten kannst du nicht trauen.“ Google sagte mir, dass die „Kiste“ immerhin von so bekannten Airlines wie Air Fiji, Air Kiribati und Air Vanuatu genutzt wurde.

Tags darauf, kurz vor dem Boarding auf dem Wattay International Airport, schaute ich kurz aus dem Fenster – da stand sie und wartete schon auf mich: eine Harbin Y-12 II.

Die Harbin Y-12 II

Der Flug, ein Luftsprung nur, verlief ruhig. Über dem Mekong schwenkten wir ein in Richtung Luang Prabang. In der Ferne sah ich bereits schemenhaft den hoch gelegenen Tempel Wat Pouhsi. In meinen Kopfhörern sang Leona Lewis von einer „Bleeding Love“. Ich liebte das Lied, und in diesen Sekunden über dem Mae Nam Khong, der „Mutter aller Flüsse“, erlebte ich einen intensiven Moment stillen Glücks. Mehr noch: Nicht zum ersten Mal war mir, als hätte ich schon mal in Asien gelebt.

Wenn die Antennen ausgefahren sind, ist alles möglich.

Luang Prabang mit dem Wat Pouhsi (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

November 2009: Phom Penh/Kambodscha

Mein erstes Mal in Kambodscha. Die Frühstückszeit im Hotel hatte ich wie üblich verschlafen. Nun saß ich an einer kleinen Garküche auf einem Plastikstuhl, an einem Plastiktisch. Gerade hatte mir der etwa zehnjährige Sohn des Hauses mein Frühstück serviert: Reis mit Spiegeleiern. Eine Speisekarte gab es nicht, doch der fröhliche Bengel sprach ein wenig Englisch und erleichterte mir die Bestellung.

Da stand sie plötzlich neben mir, eine Armlänge entfernt, wie aus dem Boden gewachsen. Sie mochte 65 Jahre alt sein oder 75. Tiefe Furchen gravierten ihr Gesicht, eine Landkarte nie verwundener Schmerzen und Nöte. Die Frau schaute geradeaus ins Ungefähre, bewegte sich nicht, sagte kein Wort.

Diese Frau, dachte ich in derselben Sekunde, hatte alles erlebt, alles überlebt. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer unter Pol Pot in den Siebzigern, die harten Monate, Jahre und Jahrzehnte danach. Jetzt, im Jahr 2009, ging es vielen Kambodschanern besser. Ihr nicht.

Buchhandlung in Phnom Penh (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Was wollte sie von mir? Geld? Reis?

Auf der anderen Straßenseite standen fünf, sechs Tuk-Tuks. Die Fahrer schauten interessiert herüber und schienen sich zu fragen: „Wie kommt der Farang, der weiße Ausländer, aus dieser Nummer raus?“

Mein Reis wurde kalt.

2009 lebten die meisten Khmer von einem Dollar am Tag – US-Dollar sind in Kambodscha die Parallelwährung zum einheimischen Riel. Ich gab der Frau mit der rechten Hand eine Ein-Dollar-Note, legte die Hand auf meinen linken Unterarm zum Zeichen, dass der Dollar von Herzen kam. Die Tuk-Tuk-Fahrer lächelten, offenbar war es weder zuviel noch zu wenig.

Ich kam, um zu bleiben

Bangkok (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Auswandern ist die eine Sache, für immer am Zielort bleiben eine andere. Wie würde ich damit umgehen, dass in Thailand nur selten etwas Ja oder Nein ist, sondern oft beides – wir Westler haben es ja gerne eindeutig. Wie würde ich mit den sozialen Tabus umgehen und mit einer Politik, die sich wesentlich von dem unterscheidet, was wir im Westen unter Politik verstehen?

Dauerhaft an einem Ort zu leben heißt auch, seiner Entzauberung beizuwohnen. Alltag kann die Vertreibung aus dem Paradies bedeuten, das gilt für Beziehungen aller Art. Doch nach wie vor ist Abschied keine Option für mich. Was sagt das über Thailand? Und was über mich? 

Warum nun dieser zweite Blog, wo ich doch seit Jahren schon den Reiseblog „Faszination Fernost“ füttere? Dort bleibt mein Alltag außen vor. Das Leben eines Auswanderers findet nicht auf Reisen statt, sondern in den Wochen dazwischen. Im thailändischen Alltag, der oft alles andere ist als alltäglich.

In diesem Blog schaue ich auch zurück: Auf meinen ersten Thailand-Trip, meine ersten Schritte in diesem Land und auf die Querverbindungen zu meinem „alten“ Leben. Nach nunmehr zwölf Jahren in im Königreich bin ich immer noch beides: Zu Hause und Außenseiter.

“Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander.“

Daniel Kehlmann

Chiang Mai (Foto B. Linnhoff)