Warum bei allen Vorschlägen Vorsicht geboten ist

Georg Schubert, Inhaber der Website „Your Silk Shop“, hat dort seine Einschätzung zur derzeitigen Situation rund um den Thailand-Tourismus zusammengefasst und auf Facebook gepostet. Daraufhin hat Axel Korn, ausgewiesener Experte für Südostasien, Schuberts Einschätzung auf Facebook eigene Betrachtungen hinzugefügt, die einen ganz wichtigen und immer unterschätzten Aspekt beleuchten: den Aktionismus der thailändischen Politiker.

Hier sein Kommentar in voller Länge:

Als Fachberater für Südostasien im Auswärtigem Amt und langjähriger Chefreiseleiter dieser Region beim weltgrößtem Touristikkonzern teile ich viele Punkte Ihrer Einschätzung der künftigen Entwicklung. Ich möchte aber ergänzend dazu zwei Betrachtungen hinzufügen, die Sie bislang nicht berücksichtigten.

Innenpolitisch besteht, naturgemäß in einer Militärjunta, eine sehr starke hierarchische Struktur im Kabinett auf PM Prayuth bezogen. Dabei wird kulturbedingt, anders als in einer europäischen Streitkultur, der „Gesichtswahrung“ bei den Kabinettsmitgliedern untereinander ein sehr hoher Stellenwert zugeordnet. Jedes Kabinettsmitglied profiliert sich in seinem Ministerium ganz den Aufgaben und Interessen seines Sachgebietes, greift aber keinesfalls in die Kompetenz und somit auch einer möglichen konstruktiven Unterstützung des anderen Sachgebietes ein. Gut zu erkennen an den zahlreichen Ideen der TAT, die aber ohne jegliche Vorabstimmung mit dem Pandemieausschuss, dem Gesundheits- und/oder Transportministerium medienwirksam proklamiert werden, um sich mit „Tatendrang“ zu rühmen. Ein jedes Kabinettsmitglied aber zugleich schon weiß, das der Vorschlag von vornherein ohne Chance steht und dann „gesichtswahrend“ ohne Kritik vom PM abgewiesen wird, weil andere Kabinettsmitglieder ebenso medienwirksam und profilierend ein Veto einlagen.

Während in einer Demokratie hier das Parlament schlussendlich durch Beantragung, Debatte und Abstimmung die Regierung kontrollieren und einwirken kann, fehlt dieses naturgemäß in einer Militärjunta. Vergleiche zum politischen System mit der Türkei oder Russland liegen mir hier sehr nahe, was dann mehr in Richtung Autokratie durch PM Prajuth zielt. Thailand hat gemessen an Südostasien den stärksten Tourismusfaktor mit rund 20% am BIP. Natürlich sind damit die Folgen der Abschottung in diesem Land ganz besonders schlimm, auch wenn die jüngsten Zahlen ein erstaunlich hohes Reiseaufkommen durch die einheimische Bevölkerung belegen (das hätte ich in dieser Größenordnung nicht vermutet). Sicher ist dies auch auf Subventionszuwendungen des Kabinett an den heimischen Reisemarkt zurück zu führen.

So wird also das Kabinett nach dem Motto von „duck and cover“ Entscheidungen weitestgehend hinauszögern und Schuldzuweisung an „die Ausländer (die das Virus einbringen)“ verbreiten, siehe die Hinweise auf die eigene Infektionsrate in der Bevölkerung, während immer nur Ausländer neue Fälle hereintragen. Angesichts der explodierenden Fallzahlen an Neuinfektionen, zügellosen unmaskierten Massendemos (wie Berlin), etc. trifft sie damit bei der Bevölkerung auf sehr unterstützende Mehrheiten.

Wir dürfen auch nicht vergessen, das Bildung in Thailand einer sehr niedrigen Zahl von Einwohnern vorbehalten ist und die Obrigkeitshörigkeit bei den Thais zu einer wesentlichen Kultur gehört. Die „geringen“ Teilnehmerzahlen der jüngsten Demos und die Tatsache, das es fast ausschließlich bildungstragende Studenten waren, sprechen dafür. Ein weitere wichtiger und bislang von Ihnen unberücksichtigter Aspekt ist die Außenpolitik in der ASEAN-Gruppe. Nach SARS-CoV 2002 folgte H5N1 in 2004 und Schweinegrippe 2009 erleben die ASEAN-Staaten nun die dritte Pandemie mit -wenn auch weitaus massiverem- Lockdown in der Region.

Schon früh haben daher die ASEAN-Staaten sich zur einzig möglichen und virologisch nach Lehrbuch praktizierten „Null-Toleranz-Politik“ entschieden. Anders als in Europa das „Flatten-the-curve“ Prinzip ein Toleranzwert gemessen an den Möglichkeiten des Gesundheitssystem zulässt, ist das öffentliche Gesundheitssystem in ASEAN weitaus niedriger und somit ohne Toleranzmöglichkeit. In erstaunlichem Einklang ziehen hier alle ASEAN-Länder gemeinsam an einem Strang und schotten sich hermetisch ab (wie auch Australien / Neuseeland und Japan). Wer will jetzt der erste sein, der aus der Reihe fällt? Und noch viel schlimmer: Was werden die anderen ASEAN-Staaten für einen Spott aufziehen wenn bei dem „ersten Ausscherer“ die Zahlen wieder hochschnellen?

Dieser Gesichtsverlust ist das Schlimmste was einem ASEAN-Mitglied nur passieren kann, dann lieber die paar Minuswerte mehr im BIP ertragen. Ja, es rächt sich jetzt ganz gewaltig, das Thailand jahrelang sich zu sehr vom Tourismus abhängig machte, statt die eigene Wirtschaft innovativ (und vor allem gebildet!) voran zu bringen. Daher ja auch der „Kurswechsel“ hin zu hochpreisigem Tourismus und weg von den Billigmassen. So hält Thailand damit auch die rote Laterne mit Minus 14% am BIP, während die anderen ASEAN-Länder vorne liegen, allen voran Vietnam (sogar mit leichtem Plus!!) und Malaysia.