Immer diese Vergleiche

Der Anfang in Schwarz-Weiß

Compare is dispair, sagt der Engländer, Vergleich ist Verzweiflung. Neigen wir nicht alle dazu, uns zu vergleichen? Manchmal habe ich mich mit Horst Hrubesch verglichen. Schließlich haben wir mal eine Saison lang zusammengespielt, auf demselben Niveau sozusagen. 1970/71, bei der Hammer SpVgg, bevor Horst durchstartete. Ich träumte davon, Nationalspieler zu werden, er wurde es. Holte Titel, wurde eine Ikone beim Hamburger SV und im ganzen Land populär wie nur wenige andere Spieler.

Hammer SpVgg 1970/71

So blieb es nicht aus, dass in den Erinnerungen an meine aktive Zeit auch Horst mal auftauchte. Vorzugsweise als lebender Beweis für meine Versäumnisse. Dafür kann er nichts. Natürlich hätte ich mit 50 Prozent seiner Einstellung zumindest alle PS auf die Straße gebracht, die ich mitbrachte. Und darum geht es doch im Leben, oder? Die PS auf die Straße zu bringen, die man mitbringt.

Ein Abend im Maracana

Im März 1982 spielte die deutsche Mannschaft in Rio de Janeiro gegen Brasilien (siehe Titelbild). Guck an, dachte ich auf der Pressetribüne, der Lange im Maracana, in der Kathedrale des Weltfussballs. Ich stellte mir nicht wirklich die Fragen: Warum steht er da unten und ich sitze hier oben? Was fehlte mir als Fußballer, was er hatte? Denn die Antwort wäre zu einfach gewesen:

Alles.

Außer Talent vielleicht. In Japan heißt es: Der Talentierte verliert auf Grund seines Talents. Die Shaolin-Mönche sagen: Der Fleißige schlägt stets den Talentierten. Die sind so schlau im Fernen Osten.

Zu Beginn der Siebziger spielte Horst sonntags Fußball, aber am Tag zuvor beim ESV Hamm Handball in der Oberliga; er bekam sogar ein Angebot des Bundesligisten TuS Wellinghofen. Sein sportlicher „Ziehvater“, Handballtrainer Friedhelm „Holz“ Gosewinkel, sagte zu ihm: „Es ist ganz einfach: Wenn du besser sein willst als andere, musst du mehr tun als andere.“

Das war nun keine Formel, die einen direkt vom Stuhl haut. Aber nur sehr wenige haben sie so intensiv beherzigt wie der Handballer Horst, der sich für Fußball entschied.

2015 erschien seine Biografie, verfasst vom Journalisten Andreas Schier. Sie wird dem Protagonisten im Inhalt gerecht und im Titel sowieso: „Die Biografie.“ Muss reichen. KeinLametta, kein Konfetti. Ich habe sie gelesen und dachte zweierlei: Wie wenig weiß man doch von einem Menschen, mit dem man Seite an Seite gespielt hat, und sei es nur für ein Jahr. Und: Was war ich doch für ein Weichei!

In den Siebzigern und Achtzigern war Fußball auf hohem Niveau meist Schlacht; heute werden besonders die Stürmer besser geschützt, von den Regeln und vom Schiedsrichter besser geschützt. Beim Lesen der Biografie fiel mir das EM-Spiel 1980 gegen Holland ein, als Vorstopper van de Korput 90 Minuten lang ungestraft Hrubeschs Rücken mit den Fingernägeln bearbeitete. Schließlich fragte der Malträtierte seinen Gegner: „Hast du keine Frau zu Hause? Oder warum zerkratzt du mir den Rücken?“

Am Finaltag im Europapokal der Landesmeister 1980 laborierte Horst an einer Sprunggelenkverletzung, die noch nicht völlig auskuriert schien. Trainer Branko Zebec ging mit ihm vors Hotel in Madrid. Dort haute er ihm mit Wucht auf die verletzte Stelle. Ich hätte dem Trainer in diesem Moment vermutlich mit der Handkante geantwortet. Horst hat nur gezuckt. „Tja“, sagte Zebec. Und der HSV lief abends gegen Nottingham Forest ohne Hrubesch auf. Obwohl der auch mit 85 Prozent wichtig gewesen wäre fürs kollektive Selbstvertrauen seiner Mannschaft, obwohl die Briten vor niemandem mehr Angst hatten als vor ihm.  

Zur Halbzeit führten die Briten mit 1:0. Hrubesch wurde eingewechselt, das Ergebnis änderte sich nicht mehr.  

Mit Ivica Horvat, Zebec und Ernst Happel hatte HH gleich drei Trainer, die Leidenschaft, Willen und Fleiß in Klasse verwandeln konnten. Spielverständnis brachte der Lange mit, ein Mentalitätsmonster war er eh. Die Fans sahen in ihm vor allem das Kopfball-Ungeheuer. Aber in seinen besten Zeiten, mit gewachsener Qualität und einem Selbstvertrauen bis unters Dach, schlug er wie selbstverständlich auch mal 40-Meter-Diagonalpässe.

Horst war nicht der erste und nicht der einzige Spieler, der sich alles erkämpft hat. Doch nach mehr als fünf Jahrzehnten im Fußball wüsste ich immer noch keinen, der aus seinen Möglichkeiten soviel gemacht hat wie er.  

Wiedersehen, v. r. Horst, Manni Balcerzak, Hermann Hummels, Bernd

Im Mai 2019, zum 70. Geburtstag unseres ehemaligen Mannschaftskameraden Manni Balcerzak, der leider an Parkinson erkrankt ist, trafen wir uns mal wieder. Nach mehr als zehn Jahren. Viele kennen das: Reichlich Zeit ist vergangen und doch legt man gleich los, als hätte man noch am Vorabend zusammengesessen.

In seiner Biografie „Born to run“ hat Bruce Springsteen das Leben mit dem Autofahren verglichen. Das ging etwa so: „Ein Teil von mir war geprägt davon, in einem Arbeiterviertel aufgewachsen zu sein. Wer man einmal war und wo man gelebt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Die neu hinzu kommenden Teile deiner Persönlichkeit steigen lediglich in den Wagen und fahren für den Rest deines Lebens mit.“ Und so ist man im Alter ein anderer als mit 18 und doch derselbe.

Fast unverändert

In Horsts „Biografie“ las ich auch, dass er sich immer noch darüber ärgert, nach dem EM-Finale 1980 in Rom zwei Stunden mit den Journalisten verbracht zu haben und nicht mit den Spielern beim Feiern. Daran konnte ich mich erinnern.

Wir Medienvertreter, etwa 15 damals, nicht mehr, warteten auf den zweifachen Torschützen. Dann öffnete sich die Tür des Raumes, in dem die Sieger ihren Titel begossen. Heraus kam Angelika Hrubesch, ich ging zu ihr und bat sie: „Sag doch deinem Mann, dass er mal kurz zu den Journalisten kommt. Um ihn geht es schließlich heute.“ Das hat sie wohl auch ausgerichtet.

Und der Mann des Tages erzählte von seiner Audienz bei Papst Johannes Paul II. im Vatikan und davon, dass er fürs Finale bei Bundestrainer Derwall zunächst keineswegs gesetzt war. „Was war der größte Fisch, den du je gefangen hast?“, fragte ein Kollege. „Ein Hecht, 99 Zentimeter lang“, antwortete der leidenschaftliche Angler, „anschließend hat einer dem toten Hecht mit dem Hammer auf den Kopf gehauen, da war es ein Meter.“ So verging im entspannten Frage-Antwortspiel die Zeit, bis die Mannschaftsfeier fast vorbei vorbei war. Ohne den Mann des Tages. Der wird heute 69. Also:

Lieber Horst, herzlichen Glückwunsch aus Thailand! Genieß weiterhin dein Leben, grüß deine Frau und bleib gesund!