Titelfoto: B. Linnhoff/Faszination Fernost

Ertrinken im Überfluss

Auszug aus dem Bild Super(M)art Bangkok Survivor von Navin Rawanchaikul, Museum Maiiam (Foto B. Linnhoff)

Bangkok ist eine riesige, sengende, rücksichtslose, buddhistische Megalopolis aus Beton und Teak, voll mit schurkischen Dämonen und sanften Engeln; eine intensive Stadt mit einer warmen, sich ständig ausdehnenden Energie, die dazu geführt hat, dass ich seit 17 Jahren hier leben will

Justin Mills, britischer DJ und Maler

Ein Abend im Hard Rock Café

Hard Rock Cafè, Bangkok (Foto: Siam2nite)

Wir trafen uns im Hard Rock Cafè am Siam Square. Keine sonderlich originelle Wahl, doch unsere ersten Ausflüge in Bangkoks Nachtleben ähnelten einer Laborreihe: Versuch und Irrtum. Im Hard Rock Café sah man mich später nur noch selten. Den ersten Abend aber vergaß ich nie.

Mit Freunden saß ich im ersten Stock und schaute hinunter auf die Band und das mehrheitlich einheimische Publikum. Es dämmerte draußen, doch noch fiel Tageslicht in den Innraum. Durch die Tür im Erdgeschoss kam ein junger Thai herein. Er strahlte übers ganze Gesicht. Müsste ich Glück zeichnen, sein Gesicht wäre mein Motiv.

Quälend langsam setzte der Mann, ich schätzte ihn auf 23, einen Fuß vor den anderen, schleppte sich Schritt für Schritt vorwärts. Er war schwerstbehindert, eine spastische Lähmung wohl, und zur rechten und zur Linken stützten ihn zwei sanfte Engel, zwei bildhübsche junge Frauen, auch sie strahlten.

Die Drei querten das ganze Lokal auf dem Weg zu ihrem reservierten Tisch. Als sie auf Höhe der Bühne waren, stoppten Musiker und Sängerin für Sekunden, legten die Handflächen ineinander und grüßten das Trio mit dem traditionellen Wai.

Ich dachte an meine alte Heimat, die ich gerade verlassen hatte: Wie würden wir in Deutschland mit einer solchen Situation umgehen? Unbehagliches, wegschauendes Schweigen?

Nach etwa fünf Minuten hatten die Drei ihren Tisch erreicht. Sie lächelten noch einmal in die Runde und setzten sich. Im selben Moment standen die Gäste im Hard Rock Café auf und klatschten.

Es schien, als hätte ich mit Thailand die richtige Wahl getroffen.

Mit beiden Beinen fest in der Luft

Leider habe ich kein Tagebuch geführt, seit ich am 29. September 2008 am Flughafen Suvarnabhumi ankam und die 27 Kilometer mit dem Taxi zur neuen Wohnung in der Thonglor Road 25 fuhr. Es war der Beginn eines Abenteuers, das sich Auswandern nennt. Manches Detail habe ich seither vergessen – wer weiß, wofür es gut ist -, aber auch vieles behalten.

In den ersten Wochen in Bangkok hing ich mit beiden Beinen fest in der Luft. Noch fehlte mir das Gefühl für die Stadt. Sie war zu groß, zu unübersichtlich, zu verführerisch in ihrem Chaos, aber in jeder Sekunde für eine Überraschung gut. An einen solchen Ort kannst du dich nicht langsam herantasten. Du kommst an und – bang!

Viele Besucher verfallen der Stadt sofort und für immer; anderen reicht ein Tag, um ein für alle Mal die Schnauze voll zu haben. Ich würde nun hier leben. Fragen hatte ich genug: Wie erschließe ich mir eine Weltstadt? Wie werde ich heimisch in einem Moloch? Wo ist mein Platz unter zehn Millionen?

Es galt, Beziehungen zu knüpfen im selbst gewählten Exil, die Spielregeln einer exotischen Kultur zu durchschauen und zu wissen, wo die deutsche Fußball-Bundesliga live übertragen wird. 

Selbstverständlichkeiten waren plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Wer würde mir in Bangkok die Haare schneiden und ein paar Strähnen hineinfummeln? Im Rheinland schlich ich einmal im Monat 25 Kilometer über eine verstopfte Autobahn, nur um meine Friseurin nicht wechseln zu müssen.

Wer würde mir nun das Zahnfleisch massieren und die Zähne säubern, das ist doch alles Vertrauenssache! Wie es der Begriff Vertrauensarzt schon sagt; in Deutschland war das eine Ärztin. Zu ihrer Praxis fuhr ich von Meerbusch nach Bad Münstereifel, gut 100 km also (ein Weg!) – das war weiter als von Bangkok nach Ayutthaya.

In Bangkok stellte ich fest: So etwas wie einen Hausarzt gibt es hier nicht einmal. Bei Beschwerden lassen sich die Menschen gleich im Krankenhaus untersuchen und behandeln. Doch welches Hospital wäre das richtige für mich? Schnell erreichbar, in dieser Stadt ein Widerspruch in sich, und auch noch bezahlbar? Was zur nächsten Frage führte: Bei welchem Anbieter sollte ich eine Krankenversicherung abschließen? Daheim hatte ich alle Versicherungen gekündigt, aber diese eine brauchte ich in Thailand unbedingt.

Welche Bank bot die günstigsten Konditionen, um ein Konto zu eröffnen? Was genau bedeutete die 90-Tage-Regelung bei meinem Visa Non-Immigrant O? Und überhaupt: Wo fand ich deutsches Brot? Wo den besten Kaffee? (Spoiler: in fast jedem Café).

Old habits die hard…

„Bei Otto“ in der Schwarzwaldstube, Sukhumvit Soi 20, Bangkok (Foto: Teerapat)

So sahen erst einmal die wahren Herausforderungen aus – in unterschiedlicher Priorität halten sie noch heute jeden Neuankömmling auf Trab und dimmen das Abenteuer Auswandern herunter auf bürokratische Dimensionen.

Vom Rhein an den Chao Praya

Die Terrasse des Mandarin Oriental am Chao Praya (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

In Meerbusch war ich oft am Rheinufer entlang gewandert, um die Folgen langer Nächte zu kurieren. In Bangkok hatte ich noch längere Nächte, aber der Rhein war zu weit weg. Bei früheren Bangkok-Trips allerdings war ich immer als erstes zum Hotel Mandarin Oriental gefahren, am Ufer des Chao Praya. Um auf der Terrasse ein Brötchen mit Krabbenfleisch zu essen und einen Cappucino zu trinken mit Blick auf den Fluss, auf Longtail- und Expressboote, Frachtschiffe, Dschunken.

Sesshaft geworden, setzte ich dieses Ritual nun fort. Ich enterte erneut die Terrasse, inhalierte asiatische Luft, nippte am Heißgetränk, schaute aufs unruhige Gewässer und merkte recht schnell: Im Sitzen würde ich die Stadt nie kennenlernen.

Zeit für Streifzüge

Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost

Jeder Thailand-Auswanderer macht fünf Phasen durch, heißt es. Ich befand mich in Phase 1: Gelandet im Paradies.

Beflügelt von der Euphorie eines Neustarts, schwebte ich eher durch die Straßen als dass ich ging. Auch aus ganz pragmatischen Gründen: Bangkoks Bürgersteige sind Knöchelfallen, stabile Sprunggelenke von Vorteil.

Die Stadt der Engel nahm mich auf wie einen Freund. Mit Anlauf warf ich mich in ihre weit geöffneten Arme; im Parallelflug neben mir segelte Uwe „Disco“ Wojatzek, er war am selben Tag angekommen wie ich. Der Verheißungen waren viele und wir waren nur allzu bereit, uns überwältigen zu lassen.

In der Soi 11: Mit Disco (Mitte) und Jürgen (rechts) an der Cocktailbar eines umgebauten VW-Bulli

Mal tags und mal nachts streiften wir nun durch die Stadt. Am Tag durch das alte, das historische und zugleich fast kleinstädtische Bangkok im Rattanakosin-Viertel. Durch die wunderbaren Tempelanlagen nahe dem Fluss der Könige und durch ein fast touristenfreies Bangkok nahe Phra Artit – nur wenige hundert Meter entfernt von der umtriebigen Khao San Road.

Wir fuhren im Longtail-Boot durch die Khlongs, Teil jeden Touri-Programms. Weil es eine Ahnung heraufbeschwört vom einstigen Bangkok, das am Wasser geboren wurde und auf den Kanälen Handel trieb.

Thai Smile: Unsere Freundin Goong – zu Deutsch: Krabbe (Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost)

In der Hitze der Nacht feierten wir die Thonglor Road rauf und die Sukhumvit Soi 11 runter. Zwischendurch gestärkt durch eines der fabelhaften Gerichte aus Goongs Garküche in der 11. Und mit dem traditionellen Chinesischen Neujahrsfest entdeckten wir den Trubel Chinatowns (siehe unten).

Chinatown (Foto B. Linnhoff)

Vom Dome ein Blick auf die Stadt

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Bei besonderen Anlässen fuhren wir hoch in den 63. Stock des Lebua-Hotels und schauten vom Dome hinunter auf die Stadt. Mit einem Cocktail in der Hand an der Sky-Bar des Restaurants Sirocco – Drehort und Teil des absurden Geschehens von „Hangover 2“ und seither (2011) noch populärer als zuvor schon.

Wir verloren uns in im Überfluss der Stadt. Allein der Augenblick zählte. Erfahrungen, Konventionen mit ihren Zwängen, die eigene Biografie – all das spielte keine Rolle mehr. Wir waren neu hier, wir waren frei, wir fühlten der Stadt den hyperaktiven Puls und kannten keine Angst – die Ahnung von einem Virus, das uns auf Abstand hielt, schaffte es nicht einmal in unsere Albträume.

Und täglich grüßte die Skyline

Summer in the City (Foto B. Linnhoff)

Das Apartment im JC Tower wurde mein Ruhepunkt im Chaos. 19. Stock – ideal für einen Menschen mit Höhenangst wie mich. Bei tropischen Gewittern war ich einfach näher dran an Blitz und Donnergrollen. Immer wieder neu, immer wieder aufregend der Blick auf die Skyline Bangkoks – für das stetig wechselnde Naturschauspiel musste ich nicht einmal die Wohnung verlassen.

Ich traf Landsleute, die aus beruflichen Gründen in Bangkok lebten und sich bald wieder nach den deutschen Jahreszeiten sehnten. „Nach welchen zum Beispiel?“, fragte ich dann und dachte zurück an viele grauen Monate. Doch jeder Jeck ist anders. Nicht wenige Mitteleuropäer wurden irgendwann den monatelangen Sonnenschein Thailands leid und auch die ewige Wärme der Tropen, die meinem Körper so gut tat und mein Gemüt erhellte.

Mit den Monaten April und Mai tat auch ich mich schwer: Temperaturen um 40 Grad und darüber trieben meinen Kreislauf an seine Grenzen. Die Regenzeit wartete mit ganz eigenen Überraschungen auf, in den Straßen reichten sie manchmal bis zu den Knien.

Mein Büro: 40 qm Balkon, Sonnenschutz, Zigaretten und die gespiegelte Skyline im Rücken (Foto: Walter Linnhoff)

Immer mal wieder mutierte der JC Tower zum Fitnesscenter: Fiel der Strom aus, dann auch der Fahrstuhl. Eine willkommene Überraschung vor allem dann, wenn ich mit einem Koffer voller Bücher von einem Deutschland-Besuch zurückkehrte – auf den Treppen vom ersten bis zum 19. Stockwerk gewann selbst leichte Unterhaltungslektüre literarisches Gewicht.

Soi Prompak, Thonglor 25 (Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Gegen acht Uhr morgens meldete sich in der muslimischen Schule neben unserem Turm der Vorbeter zu Wort und weckte mich mit Zeilen aus dem Koran. Obwohl das gar nicht sein Job war. Anschließend sangen und beteten die Kinder. Mich störte das alles nie, im Gegenteil. Auch die laute und lebendige Nachbarschaft zeigte mir: Daheim und unterwegs waren nun eins! Und wenn ich nach unten schaute, sah ich Palmen – die waren echt.

Unweit der Palmen fuhren Boote auf dem Khlong Saen Saeb; eine Haltestelle befand sich direkt vor unserer Haustür. Der Kanal, in diesem Teil Bangkoks ein rares Überbleibsel von früher, war noch immer die schnellste Verbindung innerhalb der Innenstadt – von Staus auf dem Wasser hörte man selten.

Der Skytrain (Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Dank der perfekten Lage des JC Tower brauchte ich nur zehn Minuten zu Fuß bis zur Thonglor Road, die sich damals gerade zur Ausgehmeile der Bangkokians mauserte. In unserer kleinen Soi warteten die Motorradtaxi-Fahrer; mit ihnen dauerte die Fahrt zur BTS-Station Phrom Pong an der Sukhumvit Road sieben Minuten. Von dort fuhr ich mit dem Skytrain zur Sukhumvit/Soi 11 – zum prallen Straßentheater mit Restaurants, Cocktail-Cars, Ladybars, Massageshops, Supermärkten, mit Clubs und Diskotheken, viel Live-Musik und dem Old German Beerhouse, wo wir uns die Bundesliga anschauten.

Der Motorradtaxistand in meiner Soi (Foto: Sameela Schüler)

Auf zwei Rädern schlängelte es sich leichter durch den zähen Verkehr Bangkoks. Ich brauchte kein Auto, das Motorradtaxi wurde mein wichtigstes Transportmittel. Ich nutzte es ein-, zwei-, manchmal auch dreimal am Tag. Der Fahrer trug Helm, für die Sicherheit war also gesorgt. An die flotten Ritte auf dem Rücksitz, in Engpässen beide Knie an den Hintern des Fahrers gepresst, musste ich mich jedoch erst noch gewöhnen.

JC Tower (Foto: Sameela Schüler)

Folgt: Leben in Bangkok (2)