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Der Zebrastreifen und das Dudelsackprinzip

Viele Bewohner Bangkoks erreichen nur deshalb ein fortgeschrittenes Alter, weil sie nie die Straßenseite gewechselt haben. So sterben sie irgendwann einen friedlichen Tod auf der Seite, auf der sie geboren wurden.

„Du kannst sehr viel beobachten, in dem du einfach nur zuschaust.“

Yogi Berra, amerikanische Baseball-Legende und Erfinder sinnfreier Aphorismen

Bangkoks Straßenverkehr verlangte von mir als Einwanderer eine gewisse mentale und physische Flexibilität. Auf den Straßen des Königreichs gilt das Recht des Stärkeren, daher ist in der mobilen Hackordnung die Wahl der Waffen wichtig. Oben angesiedelt sind Trucks und Busse, es folgen Pickups und SUVs (auch in Thailand beliebte Statussymbole), dann Tuk-Tuks und Motorräder. Als gemeiner Fußgänger fand ich meinen Platz ganz unten in der Nahrungskette, also da, wo die Opfer wohnen.

Seit den Neunzigerjahren ist das Schicksal des Fußgängers in Bangkok besiegelt: Als zugleich lästige wie gefährdete Art. Damals drohten die Straßen der Hauptstadt zum Meditationsort zu mutieren, in einen Stau von Nord nach Süd und von West nach Ost. Daraufhin sperrten die Stadtväter die Bürgersteige zeitweise für Fußgänger, damit Autos und Motorräder besser vorankamen. Womit die Prioritäten für immer definiert waren. Die Motorradtaxis nutzen den Bürgersteig unverändert gerne.

Eine jüngere Studie der Chulalongkorn Universität zählte fünf Fußgänger-freundliche Straßen in ganz Bangkok. Untersucht wurden 965 Straßen. 134 hatten immerhin das Potenzial, eines Tages möglicherweise das Prädikat „Fußgänger-freundlich“ zu ergattern. Andererseits wurde klar: 831 Straßen gefährden deine Gesundheit. Schlaglöcher und kaputte Betonplatten werden zu Knöchelfallen – solltest du jedoch präventiv nach unten schauen, knallst du mit dem Kopf entweder oben an ein Schild oder aber du riskierst einen kernigen Stromschlag von einem heimatlos herumhängenden Kabel.

Foto: thaivisa

Der Zebrastreifen und das Dudelsack-Prinzip

Vor gut zehn Jahren galt der Fußgänger – also ich zum Beispiel – in der allgemeinen Wahrnehmung mal als die Unperson, „die sich kein Auto leisten kann“, mal direkt als Freiwild. Wollte ich Menschen in Panik sehen, bezog ich an der Thonglor Road (Sukhumvit 55) Posten beobachtete, wie Menschen versuchten, die sechsspurige Straße zu überqueren. 80-Jährige brachen dabei Rekorde, die sie einst mit 15 aufgestellt hatten – nur dass sie nun längere Regenerationsphasen benötigten.

Wo sonst als in Bangkok gibt es eine eigene Facebook-Seite fürs sichere Überqueren der Straße? Auf dem Abenteuerspielplatz, der sich in Bangkok Verkehr nennt, erwies sich keine Neuerung als so perfide wie die Einführung des Zebrastreifens. Das Motto „Ich bremse auch für Fußgänger“ hatte es nämlich noch nicht nach Südostasien geschafft.

Ausländische Besucher mussten am Straßenrad zunächst lernen, erst nach rechts zu gucken und nicht nach links – in Thailands Linksverkehr rauscht der Feind von rechts heran. Vor allem aber erlagen die Touristen dem Irrtum, ein Zebrastreifen könnte so etwas wie Sicherheit versprechen. Schon nach wenigen Metern merkten sie, dass dieses Gefühl trog, und verfielen in den berühmten Bangkok-Cha-Cha-Cha: ein paar zögerliche Schritte nach vorn und dann ein paar vorsichtige zurück.

Es erinnerte ein wenig an schottische Dudelsack-Spieler. „Warum gehen die beim Blasen auf und ab?“, wurde einst ein Kapellmeister gefragt. Seine zeitlose Antwort: „Bewegliche Ziele sind schwerer zu treffen.“

Thailänder sind gemeinhin höflich – bis sie sich hinters Steuer setzen. Und das Tier im Begriff „Zebrastreifen“ weckte ihren Jagdinstinkt. Endlich wussten sie, wo sie ihre Zielgruppe mit einer Sicherheit finden würden, die Löwen sonst nur von Wasserlöchern kennen. Dass es sich bei der Beute meist um TouristInnen handelte, minderte deren Wert keineswegs.

Manche Thais änderten, ich gestehe es ein, mit der Zeit ihr Verhalten und gingen am Zebrastreifen vom Gas. Andere taten es ein Mal und nie wieder, weil ihnen ein überraschter Landsmann ins Heck bretterte.

Ein bösartiges Gerücht besagt, in Bangkok gebe es nur deshalb Zebrastreifen, weil einige Arbeiter nach dem Markieren der Mittelstreifen noch ein paar Liter Farbe übrig hatten. Um die nicht wegzukippen, sollen sie auf die Idee gekommen sein, Streifen auf die Fahrbahn zu malen, wie sie sie aus ausländischen Magazinen kannten. Aber auf so ein Niveau lassen wir uns hier gar nicht erst ein.

Nur vereinzelte Nahtod-Erfahrungen

Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost

Durch den Großraum Bangkok cruisen täglich 9,7 Millionen Autos und Motorräder. Bis zum Beginn der Corona-Krise kamen jeden Tag 700 neue Fahrzeuge und 400 motorisierte Zweiräder hinzu. Vor zehn Jahren gab es um die 60000 Motorradtaxis. Sie wurden das Transportmittel meiner Wahl; preiswerter noch als Taxis und viel geschmeidiger im zähen Verkehrsfluss. Beim Vorwärtskommen nur übertroffen vom Skytrain, der in luftiger Höhe keine Hindernisse kennt. Allerdings dank geschlossener Türen und Fenster auch keine Luftverschmutzung – die ist beim Motorcy im Preis mit drin.

Bei einer meiner ersten Fahrten saß ich hochaufmerksam auf dem Rücksitz, als wir in der Sukhumvit Soi 39 von einem anderen Motorradtaxi überholt wurden. Hinter dem Fahrer saß im Damensitz ein Mädchen im Minirock, der in Europa als Gürtel getragen würde. Die Beifahrerin saß völlig entspannt, die Handtasche umgehängt, ein Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und beim Telefonieren Yoghurt aus einem Becher löffelnd. Fortan saß auch ich hinten deutlich lockerer.

Die Anspannung wuchs nur, wenn mein Pilot zum Beispiel in beeindruckendem Tempo eine minimale Lücke zwischen einem Bus und einem LKW anvisierte. Je näher die Lücke kam, desto schmaler wurde ich – als wir sie schließlich in sie hineinstießen, war ich so dünn wie zuletzt mit 10.

Über die Jahre kamen vereinzelte Nahtoderfahrungen und zwei kleinere Unfälle hinzu. Einen größeren vermied mein Fahrer nur durch eine Wahnsinnsreaktion, als unmittelbar vor uns ein Tuk-Tuk-Fahrer unmittelbar vor uns das Lenkrad einschlug und unseren Weg kreuzte. Nach einigem Schlingern kamen wir dreißig Meter weiter zum Stehen. Ich rannte zurück zum Dreirad schrie den Fahrer an: „Why you want to kill us?!“

Die Lautstärke entsprach nur bedingt asiatischer Zurückhaltung, aber Gesichtsverlust war gerade nicht mein größtes Problem. Der Thai wirkte genauso geschockt und stammelte: „Solly, solly, I not see you.“ Das galt auch für den Hund im Rückraum des Tuk-Tuks.

Ich weiß nicht, wie hoch Bangkoks Anteil an den Verkehrsunfall- und Opferzahlen ist, die Thailand weltweit und alljährlich unter die Top 3 katapultieren. Fest steht, dass Motorräder generell zu gut 70 Prozent in alle Unfälle involviert sind – wg. überhöhtem Tempo und/oder Blut im Alkohol.

Foto: Mojo Matt

In meinen vier Jahren in Bangkok absolvierte ich über tausend Fahrten auf dem Rücksitz; es ist auch heute noch ein Erlebnis, wenn ich mal in der Stadt bin. Dank der Auslieferfahrer von Grab oder Foodpanda ist eine neue Qualität hinzugekommen – wie Hornissenschwärme schwirren sie durch die Stadt, immer in der Sorge, das bestellte Essen könnte kalt werden.

Taxis: Schauergeschichten und Realität

Nach Mitternacht, wenn der Syktrain nicht mehr fuhr, bevorzugte ich für den Heimweg das Taxi. Nur am Flughafen und bestimmten Brennpunkten gibt es Taxistände – alle anderen sind ohne Pause unterwegs auf der Suche nach den Handzeichen interessierter Kunden.

Gleich bei meiner Ankunft 2008 hatten mir meine Freunde das Expat-Gesetz für Bangkok-Anfänger vorgebetet: Verlieb dich nie in ein Barmädchen und steige nie in ein Taxi mit festem Standort (es ist teurer als ein frei flottierendes). Für alkoholisierte Nachteulen waren die beiden Ratschläge nicht immer leicht auseinanderzuhalten.

Bei offiziell circa 140 000 lizenzierten Taxis ist es für die Fahrer trotz der Größe der Stadt nicht einfach, auch nur auf seine Kosten zu kommen. Zumal die Preise, vergleichen etwa mit mitteleuropäischen Ländern, extrem billig sind. Die Grundgebühr beträgt 35 Baht, sie gilt für die ersten zwei Kilometer. Ganz grob gerechnet, steigt der Betrag pro Kilometer um zwei Baht, im Stau kommt ein Aufpreis von 1,25 Baht per Meter hinzu und bei Buchung eines Taxis am Flughafen 50 Baht Aufschlag.

140 000 Taxis in der Hauptstadt (Foto: Hotels.com)

Das hieß für mich zum Beispiel, dass die 27 Kilometer lange Taxifahrt vom Flughafen Suvarnabhumi zu meiner Wohnung nie mehr als 300 Baht kostete, umgerechnet je nach Kurs damals sieben Euro. Immer vorausgesetzt, dass der Fahrer die Uhr einschaltete. Nur ein einziges Mal weigerte sich der Pilot, wir fuhren bereits, da forderte ich ihn höflich und bestimmt auf, mich zum Ankunftsterminal zurückzufahren – was er auch tat.

Manchmal war die Uhr unter einem Hut verborgen. Es kam auch vor, dass ahnungslose Touristen bei Ankunft vom Fahrer auf einen günstigen Festpreis hingewiesen wurden, der bei 700 oder – je nach Lage des Hotels – bei 1400 Baht und höher liegen konnte. Der Europäer/Amerikaner/Australier verglich das Angebot mit den Preisen daheim und dachte: „Schnäppchen!“ Doch das war ein Irrtum.

Angesichts der großen Konkurrenz und der geringen Preise werden die Fahrer manchmal kreativ. Daher kursiert so manche Schauergeschichte, in denen unfreundliche Fahrer und ihre Versuche, den Passagier übers Ohr zu hauen, die Hauptrolle spielen. Etwa der Versuch, Ortsunkundigen auf dem Weg zum Ziel die ganze Stadt zu zeigen – eine Unart, die einem Orstfremden durchaus auch in Berlin oder Düsseldorf widerfahren kann.

Jasmin-Girlanden und mehr – man kann nie genug Glück haben (Foto B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Mir blieben unangenehme Situationen weitestgehend erspart. Morgens um drei Uhr gestalteten sich die Diskussionen um das Einschalten des Taximeters manchmal zäh. Auch weil mir meine Zunge so schwer im Mundraum lag wie ein Kampfstiefel. Nur einmal kroch die Angst den Rücksitz hoch (ich sitze immer hinten).

An einem frühen, noch dunklen Morgen bogen wir in die Thonglor-Seitenstraße 25 ein, als uns ein anderes Taxi entgegenkam. Auf gleicher Höhe blieben beide Fahrer stehen, summten die Seitenfenster herunter und diskutierten in maximaler Laustärke in der menschenleeren Soi. Meine Hand wanderte zum Türhebel. Nach langen dreißíg Sekunden fuhren beide weiter, mein Fahrer schaute mich im Rückspiegel an, lachte und sagte: „My best friend – sometimes we`re joking.“

Mit dem Monsun, mit dem Einsetzen der Regenzeit änderte sich die Ausgangslage schlagartig und mit ihr das Geschäftsmodell der Taxistas. Sobald es schüttete, standen plötzlich auch für kurze Distanzen 300 oder 400 Baht als Festpreis im Raum. Und ich durfte dann überlegen, ob ich sofort einstieg oder erst diskutierte, im Regen duschte und dann einstieg.

Foto: Mojo Matt

Denn wenn das Wasser bereits zärtlich die Knöchel umspielte, waren kurze Entfernungen ohne Flossen und Taucheranzug keine belastbare Alternative – und Motorcys auch nicht.

Regenzeit (Foto: The Nation Thailand)

Tuk-Tuk: Das Knatter-Taxi

Foto: Khun Disco

Je nach Ort und Situation nutzte ich auch das Tuk-Tuk. Auch hier musste ich den Fahrpreis vor dem Start festlegen, um kontroverse Diskussionen am Ziel zu vermeiden. Das Tuk-Tuk kommt ursprünglich aus Japan, gilt aber allgemein als typisch thai. Der dreirädrige, motorengetriebene Nachfolger der Fahrrad-Rikscha ist preiswert, dem Verkehr links und rechts sets auf Zentimeter nah; er knattert schön und kariolt in Staus durch manch knappe Lücke.

Etiquette im Tuk Tuk

Keine Hupkonzerte und ein Sergeant Indifferent

Was mir bei all der Hektik, den manchmal komplexen Spielregeln und im oft scheinbar heillosen Durcheinander sofort auffiel: In Bangkok wurde kaum gehupt, obwohl es in jeder Sekunde Situationen gab, die in Mitteleuropa zu ganzen Konzerten geführt hätten.

Die wichtigste Erkenntnis: Bleib konzentriert und rechne immer mit allem. Ein Bekannter erklärte mir, auf welche Art viele Einheimische ihren Führerschein in Bangkok erwerben: Mit ein wenig Praxis auf einem Übungsgelände. „Und wann gehen die Aspiranten mal in den normalen Verkehr?“, fragte ich. „Das fehlt noch“, sagte der Mann, „viel zu gefährlich.“

Fa Joey

Es war an der Kreuzung Sukhumvit 26, nicht weit vom Kaufhaus Emporium, da sah ich eines Tages eine Figur in Braun am Straßenrand. Ich lebte mittlerweile lange genug in Bangkok, um nicht mehr völlig perplex zu sein. „Fa Joey“ wurde das Polizisten-Dummy genannt. Auf Englisch „Sergeant Indifferent“, auf Deutsch „der Wachtmeister, dem alles am Arsch vorbeigeht“.

Aus der Distanz sollte er wirken wie ein echter Cop und so übermütige Verkehrsteilnehmer an heiklen Stellen präventiv disziplinieren. Doch das Aufkommen an Unfällen, Opfern und Ordnungswidrigkeiten änderte sich kaum – die Zahl derer, die sich nun stärker an Regeln hielten, wurde durch die Menge derer kompensiert, die vor Lachen Gas und Bremse verwechselten oder vom Moped fielen.