„Dein Körper ist kein Tempel, sondern ein Freizeitpark. Genieß` die Fahrt.“

Anthony Bourdain

Ich esse, also bin ich

Gerne hätte ich den Satz überhört, aber ich saß einfach zu nah dran in der Long Gun Bar. Mein Nachbar zur Rechten hatte sich wohl schon länger in eine der Barfrauen verschossen, denn beide verhandelten bereits vage eine gemeinsame Zukunft. Da sagte die Frau: „Du kannst alles mit mir machen, aber lass mich nicht hungern.“

An diese Sorte Text musste ich mich erst gewöhnen in Bangkok, Romantik wurde hier offenbar anders buchstabiert. Doch der Satz enthielt eine wichtige Botschaft für alle, die von einer anderen Reihenfolge überzeugt waren: Thema Nr. 1 für Thai-Frauen ist nicht Sex.

Die einzig wahre Obsession im südostasiatischen Königreich ist: Essen.

Foto B. Linnhoff

Es gibt Reis, Baby

Reis pflanzen und ernten ist ein Job, der den Rücken beugt und das Gemüt. Die alte Frau am Nebentisch hatte das nicht vergessen. Von ihrem Teller fiel ein Reiskorn auf den Boden. Die Frau beugte sich hinunter, legte die Handflächen zusammen und machte den Wai. Eine Geste der Entschuldigung, der Wertschätzung und vielleicht auch ein Gruß an die Reisgöttin Mae Phosop, die das Pflanzen überwacht und für eine reichhaltige Ernte Sorge trägt.

Thais begrüßen sich auch mit „Gin khao?“ Wörtlich übersetzt: „Hast du schon Reis gegessen?“ Ein Tag ist erst gut, wenn man etwas gegessen hat, und Reis ist seit Urzeiten das Hauptnahrungsmittel in Thailand – begleitet von Myriaden von Saucen und lokalen Beilagen.

Auf der Suche nach frischen Zutaten (Foto B. Linnhoff)

Thais fahren oft viele Kilometer, um auf Frischmärkten oder in gut ausgestatteten Supermärkten die besten Zutaten zu ergattern. Thais kochen zusammen, essen zusammen, teilen sich die Gerichte, picken alle ihre Stückchen von denselben Schüsseln und Tellern in ihrer Mitte. Wenn sie nicht gerade essen, sprechen sie übers Essen oder denken daran. Nahrung für Körper und Seele, Kitt sozialer Beziehungen, Schmiermittel geselliger Interaktionen und natürlich im Foto auf Instagram und Facebook verewigt: Alles reine Topfsache.

Was gibt`s denn heute so? (Foto B. Linnhoff)

Bangkoks Küche – Jahrmarkt auf der Zunge

„Kontext und Erinnerungen spielen eine wesentliche Rolle in allen großartigen Mahlzeiten, die man im Laufe des Lebens genießen kann.“

Anthony Bourdain

Vor ihrer allerersten Thailand-Reise rief mich eine Bekannte aus Deutschland an und fragte: „Kann man in Bangkok gut essen?“ Was soll man darauf sagen?

In der Pizzeria „Bella Napoli“ in Bangkok (Foto: privat)

Es gibt, um nur ein Beispiel zu nennen, 278 italienische Restaurants in der Hauptstadt. Dazu die freie Auswahl zwischen chinesischen, koreanischen, deutschen, japanischen, burmesischen, französischen, spanischen Restaurants und US-Burger-Tempeln. Plus die nicht zu zählenden Thai-Restaurants und Garküchen, wo namenlose, talentierte Köchinnen und Köche für kleines Geld Vielfalt und Schärfe der einheimischen Küche zelebrieren. Für den Gourmet ist die Thai-Küche mit ihrer verblüffenden Vielfalt von Aromen, Texturen und Geschmacksnuancen ein Jahrmarkt auf der Zunge.

Ich weiß gutes Essen zu schätzen, bin jedoch weder Foodie noch Gourmet oder gar Gourmand. Und das liegt am Kontext und an meinen Erinnerungen.

Als Junge spielte ich wie so viele Fußball bis zum Einbrechen der Dunkelheit. Oft aber war es noch hell, wenn die Mutter zum Abendessen rief. Nahrungsaufnahme schlug Leidenschaft. Unverzeihlich. Nur deswegen blieb Essen lange eher Pflicht als Kür.

So habe ich zwar manche Explosion unterm Gaumensegel verpasst, aber auch kiloweise Hüftgold. Aus meiner Sicht eine ausgeglichene Bilanz. Zumindest so lange, bis ich Desserts entdeckte, für die man die Religion wechseln könnte.

Trotz äußerst limitierten Budgets – wir sprechen über die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts – kochte unsere Mutter übrigens ausgezeichnet. Frisches Gemüse, fantastische Suppen und sonntags ein Schweinskotelett, dessen Geschmack ich noch heute mühelos abrufen kann. Viele Reisen und dann die Jahre in Bangkok dehnten mein Spektrum, doch die Neigung zu einfachen Genüssen blieb. Kaeng khiao wan gai zum Beispiel – Hühnchen mit grünem Curry. Gut gewürzt, aber nicht wirklich scharf.

Die Rachenschmeichler (Foto: Volmary)

Scharfes Essen vertrug ich noch nie. Womit die Hälfte aller Thai-Speisen wegfiel, ehe ich auch nur Guten Appetit sagen konnte. Einmal aber versuchte ich Somtum (alternativ: Somtam), den scharfen Papaya-Salat. Ursprünglich ein Gericht aus Laos und heute eine der Nationalspeisen Thailands: Knackige grüne Papaya, gesalzene Enteneier, Schlangenbohnen, Krabbenstücke, Muscheln, getrocknete Garnelen und Vermicelli-Nudeln. Ein Genuss. Mit den ersten Bissen wuchs ein Vergnügungspark unterm Gaumen, doch nach zwanzig Sekunden blieb nur noch die Achterbahn übrig mit ihren Loopings in Magen und Darm.

Scharf sind seitdem nur noch meine Retourkutschen, wenn jemand sagt: Probier doch mal! Der Satz hat mich schon als Kind zuverlässig auf den Baum getrieben, der damals noch eine deutsche Eiche war und keine Palme wie heute.

Das Auge isst mit

Als der Verkauf im Somtum-Shop von „Tony“ Phochaisee schwächelte, kleidete der Chef das prächtig gebaute männliche Personal nach dem Vorbild der mythischen Thai-Wesen Hevadha und Nang Fah. Dank minimierter Tracht brummte der Laden wieder, er heißt nun Som Tum Tard Arb Sub (Somtum ohne Hemd).

Tipp für Bangkok-Frischlinge: Im Menü markieren eine bis drei Chilischoten den Schärfegrad der Speisen. Bei vier Schoten ist ein Rettungshubschrauber mit Notarzt im Preis enthalten.

Bangkok: „Eine Schule für alle Sinne“

Kann man Bangkok besser auf den Punkt bringen als John McBeth in seiner Autobiografie „Reporter? 1970 verließ der ehrgeizige Lokaljournalist seine Heimat Neuseeland, um in Londons Zeitungs-Mekka Fleet Street nach den medialen Sternen zu greifen. An der Zwischenstation Indonesien lief das Frachtschiff, mit dem er reiste, auf Grund. Über Singapur landete McBeth für ein kurzes Intermezzo in Bangkok. Es sollte 16 Jahre währen.

In der Schule der Sinne wollte auch ich ein gelehriger Schüler sein. Vereint im Wunsch, zumindest das Notabitur zu machen, traf ich viele Gleichgesinnte. Den Schnupperkurs absolvierten wir in den Straßen der Stadt, an den tausenden Garküchen.

Foto B. Linnhoff

Immer wieder mal kämpft Bangkoks Stadtverwaltung gegen den lästigen Ruf, die Welthauptstadt des Sex zu verwalten (dabei hat das Seebad Pattaya auf diesem Gebiet die Langnase vorn). Internationale Medien hingegen haben Bangkok inzwischen zur Welthauptstadt des Streetfood erkoren. Daher grenzt es für mich an Selbstverstümmelung, wenn die lokalen Behörden von Zeit zu Zeit versuchen, den Garküchen ein ähnliches Schicksal zu bereiten, wie es einst Amerikas Ureinwohner erlitten: Wahlweise Auslöschung oder Vertreibung in Reservate.

Streetfood sei unhygienisch und nicht sicher, heißt es dann. Seit wann ist Sicherheit ein Kriterium, das in Thailand eine Rolle spielt? (An dieser Stelle bitte die aktuelle Statistik der Verkehrstoten einfügen). Und überhaupt: Wo soll die Korinthenkackerei noch hinführen? Reißt Paris etwa den Eiffelturm ab, weil er rostet?

Um das Wesentliche nicht zu vergessen: Die Garküchen stehen nicht deshalb an jeder Ecke, um Touristen authentische Atmosphäre zu vermitteln. Viele der 68 Millionen Thais leben vom Mindestlohn, von 300 Baht (dertzeit ca. 8,15 Euro). Am Tag. Streetfood ist das, was sie sich leisten können: Von der Hand in den Mund.

CHINATOWN

Foto B. Linnhoff

Im Bemühen um Sauberkeit à la Singapur hatten die Behörden auch Chinatown schon im Visier. Das Chinesenviertel liegt mittig zwischen dem neuen und dem alten Bangkok; traditionell spiegelt es eher die Vergangenheit wider. Es war immer eines der umtriebigsten Viertel in einer umtriebigen Stadt – es lohnt sich, durch die Straßen Yaowarat, Ratchawong und Charoenkrung zu streunen. 

Nur der Fußgänger erlebt hautnah den quirligen Markt, der vor allem abends die Sinne schult und provoziert: Augen, Ohren und den Riechkolben erst recht. Die Gold- und Schmuckläden geben olfaktorisch natürlich wenig her, doch Frischfleisch und fangfrisches Meeresgetier haben schon manchem Farang den sarkastischen Ruf entlockt: „Tausend Nasen möchte ich haben!“

Was Beine, Zangen oder Flossen hat, kommt auf den Tisch und auf den Teller. Ohne Haiflischflosse scheint eine chinesische Speisekarte immer noch nicht komplett – der Hai hingegen ist ohne Flosse nicht unvollständig, sondern tot.  

Unser Freund Gordon Blue

Ein steter Quell der Freude sind für uns Westler die Speisekarten in thailändischen Restaurants. Die Übertragung der Namen aus der Thai-Schrift in lateinische Buchstaben ist schon schwierig genug, der Rest Heiterkeit.

Besonders interessant wird es, wenn die Thais die Übertragung mit vorauseilendem Gehorsam betreiben. Oft sprechen sie unser R wie ein L, das wissen sie und planen es gleich mit ein – so werden aus Glasnudeln schon mal Grasnudeln.

Immer gerne genommen wird der Gordon Blue – Cordon Bleu ist schließlich deutlich komplizierter und zudem weniger persönlich. Gleiches gilt für den Wiener Schnitzler.

Alsdann: Braten, Dampf, Verbrühung

In Deutschland müssen die Ankündigungen nicht einmal übersetzt werden, und trotzdem…

Setz dich! Friss!

Quelle: Pinterest

1985: Ronald McDonald landet in Thailand

In kürzester Zeit schaffte es die US-amerikanische Fastfood-Kette, Kindern und Eltern den American Lifestyle schmackhaft zu machen. US-Konkurrenten wie KFC oder Pizza Hut folgten bald. Anfangs kamen neugierige Familien, bestellten vier Cola und setzten sich für anderthalb Stunden ans Fenster, um ihren Landsleuten draußen zu zeigen: Wir können uns den Ami leisten!

Es wäre zu simpel, allein den Amerikanern in die Fritteuse zu schieben, dass heute 32 Prozent der Thais als übergewichtig gelten und neun Prozent als fettleibig – beides schien noch vor drei Jahrzehnten unvorstellbar. Thailand ist kein reines Agraland mehr, der Wechsel zu Dienstleistungs-Berufen zum Beispiel bedeutete weniger körperliche Arbeit und Bewegung. Mit dem Einkommen wuchsen Mittelschicht und Kaufkraft, was im Doppelpass mit angeborener Esslust dazu führte, dass viele Thais heute mit ähnlichen Gewichtsproblemen kämpfen wie ihre Artgenossen im wohlhabenden Westen. Wobei der Begriff „kämpfen“ diskutabel erscheint.

Allem Umfang wohnt ein Zauber inne: So langsam müssen wir uns auch von der Vorstellung verabschieden, wonach Essen der Sex des Alters sei. Wer in Bangkoks Straßen genauer hinschaut weiß, dass sich viele – Einheimische und Touristen – viel früher entscheiden.

Vielleicht wäre manche(r) gerne ein Faultier. Das kann durch Scheißen ein Drittel seines Körpergewichts verlieren – in mancher Hinsicht sind uns Tiere dann doch überlegen.

(Foto links) Heute im Angebot: Ein paar Nudeln zum Schwein.

Ein Blick in die Zukunft: Geflügelte Proteine

Gewimmel (Foto B. Linnhoff)

Hinweis: Nach Phase 1 (Paradies) erreichen wir nun die Phase 2 des Aus- bzw. Einwanderers: KULTURSCHOCK.

Es war die Vielfalt, die mich überraschte: Gegrillte Grashüpfer, knusprige Panzer, Ameisen, Käfer, Maden, Libellenlarven, frittierte Skorpione und Kakerlaken. Draußen vor unserer Stammbar Tilac in der Soi Cowboy rollte gegen Mitternacht das Essen auf Rädern heran. Von Weitem sah manches aus wie Leipziger Erbrochenes, doch es handelte sich – so erklärte mir Go-Go-Tänzerin Wan in einer Schaffenspause – vorwiegend um Ameisen in unterschiedlichen Stadien ihrer Entwicklung. Aber wohl alle tot.

Was in den Küstengebieten die Garnele, ist im Landesinneren vielerorts das Insekt. Mit sechs Beinen, Kopf, Brustkorb und Bauch wird es malaeng genannt, mit acht oder zehn Beinen und ohne Flügel maeng. Das jedenfalls entnehme ich dem ausgezeichneten Buch „Typisch Thai“ von Philip Cornwel-Smith.

Bambusraupe und Grashüpfer-Risotto (Foto B. Linnhoff)

Wissen ist das eine, Praxis eine völlig andere Währung. Selbstredend wollte ich zeigen, dass ich mich den lokalen Vorlieben anpassen und sowieso mithalten kann. Mutig gestimmt durch zwei bis fünf Bier, probierte ich in der Cowboy ein paar mehlige Geflügelte und auch einen Hügel Termiten. Klingt nach viel, aber für ein Pfund Termiten braucht es 30000 Exemplare. Zum Geschmack kann ich nicht viel sagen, denn auch nach Grillen und Maden dominierte noch immer das dunkle Beer Lao, womit ich sehr einverstanden war.

Viele Insekten sind wahre Proteinschleudern – Heuschrecken zum Beispiel imponieren mit 25,88 Prozent Protein. Metallisch glänzende Rosenkäfer dagegen versorgen mit Mineralien, vor allem Phosphor und Kalcium. Gegrillte oder gekochte Insekten sind vermutlich weder vegetarisch noch vegan und doch ressourcen- und umweltschonend. Viele Mitglieder im Klub der fliegenden Nahrung werden inzwischen auf Farmen gezüchtet.

Eines Tages, wenn die Natur nicht mehr genügend hergibt, um die Milliarden Menschen auf herkömmliche Weise zu ernähren, könnten Insekten unverzichtbarer Teil der Ernährung werden. Auch für jene, die im Moment eine Raupe noch nicht von einem Regenwurm unterscheiden können.

Ich bin gewappnet!

Probier doch mal, Klaus! (Foto B. Linnhoff)