Entdeckt am Tempel in Bagan: Auf Deutsch

„U Po Kyin, Distriktrichter in Ober-Burma, saß auf seiner Veranda. Es war erst halb neun, aber man schrieb den Monat April, und in der Luft lag eine Schwüle, eine Drohung der langen, stickigen Mittagsstunden…“ Die Warnung kam für mich zu spät. Als ich George Orwells „Tage in Burma“in die Hand nahm, hatte ich zuvor schon ein paar Kilometer auf einem alten Damenfahrrad ohne Gangschaltung weggestrampelt, auf sandigen Pisten, es war bereits Mittag und April sowieso. Nach dem Frühstück und vor der Tempeltour hatte ich mich für das Rad entschieden und gegen den Pferdekarren.

Tempel Ananda Phaya in Bagan (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Die Tour führte mich über das Tempelfeld von Bagan, wo mehr als 2000 von ihnen in der Landschaft rumstehen, viele kleine und viele große. Dort, an einem Verkaufsstand am wunderbaren Tempel Ananda Phaya, habe ich das Orwell-Buch entdeckt. In der deutschsprachigen Ausgabe von Diogenes, damit muss man nicht rechnen in Bürmas Savanne. Über seine prominente Nachbarin im Regal konnte Orwell nicht klagen, es war Aung San Suu Kyi. 15 Dollar wollte die Verkäuferin für Orwell („No copy!“) haben, ich bot acht, und sie sagte: Okay.

„Tage in Burma“ – worum geht`s? George Orwell diente vor hundert Jahren der britischen Kolonialmacht in Burma als Polizeioffizier. Für dieses Leben war er nicht geschaffen. Im englischen Heimaturlaub quittierte er 1927 den Dienst und wurde Schriftsteller. Bevor der Brite mit „Farm der Tiere“ und dem dystopischen, heute wieder oft gelesenen Zukunftsroman „1984“ Weltruhm erlangte, erschien 1935 „Tage in Burma“. Großartig geschrieben, schildert es in präzisen Porträts den Alltag in Ober-Burma zu Zeiten der englischen Kolonialherrschaft, als die weißen Herren den Menschen mit dunklerer Haut die Segnungen der Zivilisation brachten – die Kinematographie etwa oder Syphilis.

Tempel in Bagan (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)