Titelfoto: Nick Ùt und sein berühmtestes Bild

Zeitreise mit zwei Pulitzer-Preisträgern

Mit Peter Arnett nahe Saigon (Foto: John Fengler)

„Peter, we again“, sagt Nick Ùt, als wir in den Van einsteigen. Peter, wir nun wieder. Arnett schmunzelt. Seit fünfzig Jahren laufen sie sich immer wieder über den Weg, die gemeinsame Arbeit im Vietnamkrieg verbindet. Veteranen mögen sie heute sein, aber sie sind neugierig, quicklebendig und leben vorzugsweise im Heute, auch wenn sie schon in jungen Jahren hochdekoriert wurden.

„U Minh Guerillas“, gemalt von Thai Ha. Ho Chi Minh City Museum of Fine Arts (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Peter Arnett und Nick Ùt, Journalist der eine, Fotograf der andere, erhielten für ihre Berichterstattung vom Vietnamkrieg den Pulitzerpreis. In den Neunzigerjahren wurde Arnett mit seinen exklusiven CNN-Live-Reportagen aus dem Irak zum berühmtesten Kriegsreporter der Welt, bescherte dem Sender Milliardeneinnahmen und verdiente, so wurde es kolportiert, eine Million Dollar – im Monat.

Spurensuche (Foto: John Fengler)

In den Sechzigern arbeiteten Arnett und Ùt für die amerikanische Agentur Associated Press (AP). Beide veränderten den Blick der Welt auf einen Krieg, der in Vietnam noch heute der Amerikanische Krieg genannt wird. Peter Arnett erhält seither Einladungen zu Vorträgen und TV-Interviews in Vietnam; Nick ist, obwohl längst amerikanischer Staatsbürger, ein populärer Sohn seiner Heimat geblieben.

Peter Scheid: Von Düsseldorf nach Ho Chi Minh City

Ich verdanke es meinem Freund Peter Scheid, dass ich die journalistischen Ikonen persönlich kennenlernen darf. Wir kennen uns seit 1995, trafen einander in Düsseldorf. Als Freier Fotograf und Dokumentarfilmer ging Peter damals immer dahin, wo es weh tat: in die Krisenregionen Afrikas zum Beispiel.

Bild mit Freunden: Peter Scheid, John Fengler (Foto B. Linnhoff)

Schon damals pflegte Peter engen Kontakt zu den Fotografen des Vietnamkriegs. Zu Horst Faas, Tim Page, Richard Pyle, auch zu Nick Ùt und Peter Arnett. Seit 2005 lebt Peter in Ho-Chi-Minh-City. Drei Jahre später wanderte ich nach Thailand aus. Trotz der nun recht geringen Distanz sahen wir uns erst Ende 2017 erstmals wieder. Wenig später lud Peter mich zu einem Ausflug ein, den er für Nick und Peter und ein paar Freunde organisierte und der uns zu zwei Schauplätzen des Vietnamkriegs führen sollte.

Es wurden zwölf denkwürdige Stunden.

Und Nick Ùt fotografiert

Am frühen Morgen steigen wir in einen Van und sortieren uns noch, da dreht Nick Ùt bereits die Seitenscheibe herunter und hält das Obejktiv aus dem Fenster. Minuten vorher hat er mir erzählt, dass er nach 55 Jahren nun leider doch pensioniert sei und Dankesbriefe von Clint Eastwood und anderen Hollywoodgrößen erhalten habe. Natürlich hatte er auch in Kalifornieren für AP gearbeitet, nur die Motive änderten sich.

Immer im Einsatz (Foto: B. Linnhoff)

„Ich denke, du bist in Rente“, rufe ich aus der letzten Reihe, als er in die verregneten Straßen Saigons hineinfotografiert. „Ich kann`s nicht lassen“, ruft Nick Ùt zurück, „I love it so much!“

Während unseres außerordentlich feuchten Trips vor die Tore von Ho Chi Minh City sitze ich in der Reihe hinter Arnett Sr. und Jr. Andrew Arnett, während des Krieges in Vietnam geboren, produziert nun eine Dokumentation über seinen Vater. „Ich will hier eigentlich nur relaxen“, sagt der Senior, „aber mein Sohn muss ja unbedingt diesen Film drehen.“

Foto: B. Linnhoff

So erleben wir Peter Arnett: Bodenständig, nahbar, mit Humor gesegnet, mit scharfem Verstand auch und Selbstironie. Er schwadroniert nicht im nostalgischen Pathos alt gewordener Helden, die gegen den Bedeutungsverlust ankämpfen. Mich verblüfft vor allem das Erinnerungsvermögen des 83-Jährigen. Selbst zerschossene Kühlschränke aus dem Jahr 1964 haben dort immer noch ihren Platz.

Früher Nachmittag, der Regen legt eine kurze Pause ein und wir auch. Nick flirtet ein wenig, dann fotografiert er.

Song Be Bridge: Noch immer zerstört

Foto: B. Linnhoff

Wir fahren zur einst von US-Verbänden gesprengten Song Be Bridge in der Provinz Phuoc Long. Arnett schaut sich um, nimmt kurze Videos auf. Nick Ùt fotografiert und bestaunt für Sekunden die Drohne, die Peter Scheid über die Brücke steuert. Da beginnt wohl eine neue Ära.

Anne Solenne, halb Französin, halb Vietnamesin, ist ebenfalls mit uns unterwegs. In Frankreich eine bekannte Schauspielerin, in Saigon jedoch auf der Suche nach den Kochrezepten ihrer Oma. Nun aber interviewt sie Arnett.

„Kannst du dich an diesen Ort erinnern?,“ fragt Anne den einstigen Kriegsreporter. „Natürlich“, sagt der und schildert Kampfhandlungen, als kommentiere er sie live in die TV-Kamera. Unaufgeregt, präzise, klar.

„Hier kämpften die Vietcong gegen US-Verbände“, erzählt Arnett, „ich sehe noch die amerikanische Hubschrauberformation über uns. Für Reporter lief das damals so: Wir saßen im AP-Büro in der Stadt, dann rief jemand an und sagte: Da und da sieht es nach Kampfhandlungen aus. Also sprangen wir ins Auto und bewegten uns in die angesagte Richtung. Oder wir fuhren einfach die Straßen entlang, bis wir Action sahen, hörten, vermuteten. Niemand hinderte uns.“

Dank Arnett geraten auch wir Zuhörer in den Vietnamkrieg, ein wenig verspätet allerdings. Verspätungen können peinlich sein, aber auch Leben retten. Der gebürtige Neuseeländer Arnett, heute längst amerikanischer Staatsbürger, war stets ein kritischer Begleiter des US-Engagements in Vietnam – Präsident Nixon versuchte vergebens, ihn aus dem journalistischen Verkehr zu ziehen.

Erinnerungen an das „Napalm“-Mädchen

Zweite Station: Der Ort, an dem Huynh Cong Út, von allen nur Nick gerufen, am 8. Juni 1972 das Bild schoss, das den Vietnamkrieg beenden half. Ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt einbrannte wie das Napalm in den Körper der neunjährigen Kim Phuc Phan Thi. Nachdem er das Bild im Kasten hatte, fuhr Ùt das Kind ins Krankenhaus. Und bewahrte es so vor dem sicheren Tod.

Foto B. LInnhoff

Nichts sieht an dieser Stelle so aus wie vor knapp 50 Jahren. Die Vergangenheit liegt unterm Asphalt einer Schnellstraße. Nick kehrt oft an diesen Ort zurück. Jetzt erzählt er, leidenschaftlich wie immer, vor Andrew Arnetts Kamera, wie es zu dem Foto kam, mit dem er seinem in Vietnam berühmten Bruder Huynh Thanh My ein Denkmal setzen wollte – der Ältere war 1965 in AP-Diensten von einem Vietcong erschossen worden.

Das Bild hängt überall – auch in Hiens Café (Foto: B. Linnhoff)

Wir kehren ein in ein einfaches Restaurant. Kim Phucs Cousine Hien verdient sich hier ihren bescheidenen Lebensunterhalt. Auch sie ist auf dem berühmten Foto zu sehen: das Mädchen rechts im weißen Hemd.

Hien und Nick (Foto: Peter Scheid)

Mit Nick Ùt habe ich hier ein ausführliches Interview vereinbart. Er holt Hien hinzu und sagt, dass sie seit einiger Zeit ganz allein lebt: „In Deutschland gibt es doch gute Männer – kennst du da nicht jemanden?“ Ich verspreche, mir darüber Gedanken zu machen. Und dann prusten wir drei los.

Interview (Foto: John Fengler)

Ausflug mit Folgen: Ein Interview für den stern

Zum Ende unseres Trips frage ich Peter Arnett: „Im deutschen Magazin ’stern‘ gibt es die beliebte Rubrik ‚Was macht eigentlich…?‘ Kann ich dich dafür interviewen?“ „For the stern?“, fragt er zurück, „tolles Magazin. Die haben Anfang der Neunziger ein großes Porträt von mir gebracht. Sehr gut bezahlt, nebenbei. Ein Interview? Klar!“

In den folgenden Wochen tauschen wir uns per Mail aus. Er ist wieder in Los Angeles, ich bin zurück in Chiang Mai. Ich lerne meinen Gesprächspartner als den Profi kennen, als den ihn seine Kollegen schildern. Verlässlich, uneitel. Er hat immer noch viel zu erzählen und noch mehr zu sagen. Daher liefert er 10000 Zeichen statt der vereinbarten 3000: „I had the feeling to let it all hang out!“

Auch deswegen schreibt er Bücher. Sein berühmtestes: Unter Einsatz des Lebens (Originaltitel: Live from the battlefield).

Sein jüngstes Buch: We`re taking fire – A reporter`s view of the Vietnam War

Das beste Arnett-Porträt, das ich im Netz fand:

How New Zealand’s Peter Arnett, the world’s greatest war correspondent, found peace at last

Leica ehrt Nick Ùt

Ausstellung in der Leica-Galerie in Bangkok (Foto: B. Linnhoff)

Auch Nick Uth bleibt gefragt, als Erzähler und als der Mann, der Geschichte fotografierte. Leica ehrte ihn mit einem besonderen Modell. Auch weil sein Bild bewies, dass die „Revolution der Fotografie“, mit der Leica warb, tatsächlich eine war: Erstmals hatten Fotografen eine kleine, leise Kamera, mit der sie schnell und unbemerkt arbeiten konnten. Es war der Anfang vom Ende der gestellten Fotos.

2018 zeigte die Leica-Gallery in Bangkok in einer Sonderausstellung einige Ùt-Fotos aus dem Vietnamkrieg. Wer die Motive eingehend betrachtet, versteht weniger denn je, wie Krieg noch immer ein politisches Mittel sein kann. Die Bilder zeigen auch: Huynh Cong Út, genannt Nick, war immer und überall ganz nah dran. Wie sein Vorbild – der große Bruder.

Zum Thema: Ein Besuch im „Museum für Kriegsrelikte“ in Ho Chi Minh City:

Bomben und Burger in Vietnam: Der Krieg, der bleibt