Eine Annäherung

Haad Rin in den Neunzigern (Foto Georges Lemaire – Siamese Memories)

Alles war neu, alles anders als auf meinen anderen Reisen und zugleich völlig entspannt: Schon die Ankunft im Hafen der Inselhauptstadt Thongsala nahm mich ein für Koh Phangan.

Wir fuhren mit dem Songthaeo, einem zweireihigen Sammeltaxi, zum Strand Haad Rin West. 1,2 Kilometer lang und bereits berühmt für seine Vollmond-Parties. Bis zu meinem Full-Moon-Debüt blieb noch mehr als eine Woche Zeit.

Paradise Resort

Auf das „Paradise Resort“ hatte ich mich gefreut, zur Abwechslung würde ich in einem Steinbungalow wohnen, mit Blick aufs Meer. Doch was sah ich? Müll überall, Baustellen, auch im angrenzenden Ort. An den Rändern begann das Dorf bereits zu wuchern, doch im Zentrum ging es noch gemütlich zu.

Geschmeidiger war ich nie

Auf das „Paradise Resort“ hatte ich mich gefreut, zur Abwechslung würde ich in einem Steinbungalow wohnen, mit Blick aufs Meer. Doch was sah ich? Müll überall, Baustellen, auch im angrenzenden Ort. An den Rändern begann das Dorf bereits zu wuchern, doch im Zentrum ging es noch gemütlich zu.

Ein paar Wochen mehr in den Händen und Füßen der mittelalten Damen, und ich hätte als Schlangenmensch im Zirkus auftreten können. Geschmeidiger als in den Tagen auf Phangan war ich vorher nicht und nachher nie wieder.

Bei Einbruch der Dunkelheit sammelten sich die Rucksackreisenden aus aller Welt in diversen Lokalen, um sich die Videos erstaunlich aktueller Filme anzuschauen. Nur einmal klinkte ich mich bei einer Vorführung ein, gezeigt wurde „Schindler`s Liste“.

Ich hatte Dokumentationen gesehen, Bücher gelesen, mit Menschen gesprochen, die das Dritte Reich erlebt hatten. Wie die meisten Menschen der Nachkriegsgeneration hatte ich intensiv mit meinen Eltern über diese Zeit sprechen wollen. Was nicht einfach war, da sie schon die Frage „Was habt ihr gewusst?“ als Vorwurf empfanden.

Auf meinen Reisen als Journalist hatte ich häufig ich Provokationen erlebt, die auf die Nazizeit anspielten. In Frankreich, in den Niederlanden vor allem. Das Thema war also nicht neu für mich, und doch haute mich Spielbergs Werk vom Stuhl. Nie zuvor fühlte ich mich so intensiv als Deutscher wie in diesen Minuten, 9900 Kilometer von meiner Heimat entfernt und umgeben von einer Schar junger Leute aus dem Iran, Argentinien, Chile, israel, Australien, England, Italien, den USA. Ich war froh, in der letzten Reihe zu sitzen.

Die Magie der Nacht

Mit den Jahren wurden die Sitzgelegenheiten bequemer (Foto: Thailand Redcat)

Am Abend änderte sich die Szenerie am Haad Rin Beach komplett. Der Müll verschwand für eine Nacht im Dunkeln, ein paar bunte Lichter verwandelten unscheinbare Kneipen und einfache Strandrestaurants in magische Orte. Epigonen der Ur-Hippies saßen kiffend an kleinen Tischen auf Matten im Sand; allüberall feierten die Jungen ihre Jugend, so heiter, selbstbewusst und unbekümmert, wie es mir nie gegeben war.

Auch ich saß auf einer Matte im Sand und dachte: Warum nicht? Warum nicht mal wieder einen Joint versuchen? So wie ich das in großen Abständen probiert hatte. Weil ich nicht akzeptieren wollte, dass sich bei mir nie, wirklich nie ein Gefühl von Entspannung einstellte. Entweder ich merkte gar nichts oder mein Kreislauf hyperventilierte, bis ich dachte, ich nippel ab. Der einzige Rausch, den ich je kennenlernen durfte, hieß mit Vornamen Friedel und spielte bei Schalke 04.

Nun also, bei heranrollenden Wellen, ein neuer Versuch. Schließlich war Ich alt genug, psychisch stabil, nach einer Woche Urlaub bereits gut erholt, von Kennern umgeben und fahren musste ich auch nicht mehr. Ideale Laborbedingungen. Ergebnis: Wirkung nicht feststellbar.

Camel Trophy

Eines Tages fuhren wir auf einen Kaffee die kurze Strecke nach Thongsala. Erst zurück und bergauf war die 125ccm-Honda zu schwach auf der motorisierten Brust, genau dort, wo der Ausflug in den ausgewaschenen Spurrillen der Insel zur Camel Trophy wurde. Doch erst als sich das Vorderteil des Bikes aufbäumte und ich vom Rücksitz einen unfreiwilligen Salto rückwärts hinlegte, fanden wir zur Arbeitsteilung. Angelo fuhr ohne Passagier den Hügel hoch und ich ging zu Fuß. Wieder einmal fasste ich den Entschluss, den Motorradführerschein zu machen. Gesagt, getan – 19 Jahre später, in Chiang Mai.

Wir ziehen um zum Sonnenuntergang

Sunset am Mae Haad Beach (Foto Thaizeit.de)

Nach anderthalb Wochen zogen wir ins Resort „View Cabana“ am Mae Haad Beach. Dort, im Westen Koh Phangans, sollte es die schönsten Sonnenuntergänge geben. Wir wohnten wieder in Holzbungalows mit chaotischem Innenleben.

Mission erfüllt: Mit dem Buch „Die Mitte finden“ fand ich zur inneren Ruhe zurück. An manchen Tagen schaukelte ich fünf Stunden am Stück in der Hängematte und schaute aufs Meer. In Thongsala kaufte ich mir eine Einführung in den Buddhismus. Meine kontinuerliche Beschäftigung mit spirituellen Themen begann im Golf von Thailand.

„Und, was hat es dir gebracht?“, fragte mich der eine oder andere Wegbegleiter. Ich bin auch heute noch kein Buddhist. Doch ich habe Fortschritte gemacht auf einem sehr einfachen, sehr schwierigen Weg.

„Was zeichnet deinen Meister aus?“ wurde der Schüler eines japanischen Zen-Meisters gefragt. Seine Antwort:

„Wenn er isst, dann isst er. Wenn er trinkt, dann trinkt er. Wenn er schläft, dann schläft er.“

Angelo in seinem Element – Privatvorstellung am Abend (Foto B. Linnhoff)

Mehr zur Insel: Koh Phangan – Ein Platz zum Stranden