Illustration: Lars Linnhoff

Ein persönliches Plädoyer für kontroverse Ziele

Yangon/Myanmar 2011 (Foto B. Linnhoff)

Als ich 2011 zum ersten Mal nach Myanmar reiste, war das Militär dort seit fünfzig Jahren an der Macht, berüchtigt für Brutalität, Vetternwirtschaft und Bereicherung auf Kosten der armen Bevölkerung. Das ehemalige Burma aber stand auch für die Warmherzigkeit seiner Menschen, für fanastische Landschaften, buddhistische Bau- und Kunstwerke und eine Rückständigkeit, die Touristen gerne als „ursprünglich“ wahrnehmen. Alles in allem ein mehr als reizvolles Reiseziel, auch weil Myanmar selbst für routinierte Globetrotter einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte war.    

Myanmar 2011: Generäle und Jade

Wer Myanmar im Jahr 2011 als Ziel erwog, kam an der Frage nicht vorbei: Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, in ein Land zu reisen, in dem die meisten Dollar aus Tourismus, Jadehandel etc. in den Taschen der Mächtigen und möglicherweise auf Konten im Ausland landen würden? Unterstütze ich mit meinem Besuch ein Regime, dem seit Bestehen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden?

Ich flog dennoch von Bangkok nach Yangon, die eine Stunde entfernte ehemalige Hauptstadt Myanmars. Guten Gewissens sogar, und das lag daran, dass ich lange Jahre zuvor mit einer ähnlichen Frage konfrontiert war und eine Antwort erhalten hatte: 1978, bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien, zur Hoch-Zeit der dortigen Militärjunta.

Foto: Mit Freund Disco in Yangon

Fußball und Folter am Rio de la Plata

Soviel war schon vor dem Turnier bekannt: Argentiniens Regime unter General Videla folterte, verschleppte und tötete seit 1976 (und bis 1983) tatsächliche oder vermeintliche Oppositionelle nach Belieben, die Zahl der Opfer wurde am Ende auf 30000 beziffert. Dass etwa 3000 Regierungsgegner aus Flugzeugen über dem Meer abgeworfen wurden, blieb lange geheim.

Keine Überraschung also, dass Menschenrechtler und Medien in aller Welt die Austragung der WM schon im Vorfeld kritisierten und den Teilnehmern – auch den Berichterstattern – einen Boykott anrieten. Deutschlands Nationaltorhüter Sepp Maier unterzeichnete eine Petition von amnesty international, das sich für die Menschenrechte im Veranstalterland einsetzte. Johan Cruyff plädierte dafür, nicht nach Argentinien zu fahren, was er selbst auch nicht tat.

Selbst der Mord am WM-Organisationschef Actis, der 1976 einem Attentat zum Opfer fiel, war ohne Folgen gebelieben. Kurz zuvor hatte er sich gegen einen teuren Ausbau der WM-Stadien ausgesprochen, weil das Land in einer Krise sei – ob ein Zusammenhang mit dem Mord bestand, wurde nie geklärt. FIFA-Präsident Joao Havelange, ein Freund der Militärs auch in seiner Heimat Brasilien, berief sich mit der gewohnten Dreistigkeit auf die FIFA-Devise, Fußball habe mit Politik nichts am Hut. 

Auch ich musste mich entscheiden. Über die WM 1974 in der Bundesrepublik hatte ich für die Lüdenscheider Nachrichten berichtet, inzwischen war ich für den Sport-Informationsdienst (SID) tätig und journalistischer Weggefährte der deutschen Nationalmannschaft. Argentiniens WM würde meine erste im Ausland sein. Ich wollte unbedingt hin, als leidenschaftlicher Reisender und als Reporter. Die Gelegenheit war günstig, und ich nahm sie wahr – so definieren wir Opportunismus.

Mit Kollegen und dem lebenden Hund von Ascochinga

In Argentinien bezogen Mannschaft und Medientross zu allem Überfluss ein Luftwaffen-Erholungsheim als Quartier. In Ascochinga, mitten in der Pampa, 60 Kilometer von der Stadt Cordoba entfernt. Das Wort Ascochinga kommt aus dem Indianischen und hieß übersetzt etwa „toter Hund“. Einen Hund gab es tatsächlich, aber der lebte – ein deutscher Schäferhund, ausgerechnet.

Pressekonferenz mit Bundestrainer Helmut Schön in Ascochinga (Foto: Horst Müller)

In den Wochen vor der WM hatte ich ein wenig Spanisch gelernt, um mich mit den Einheimischen wenigstens rudimentär unterhalten zu können. Gleich bei meinem ersten Cordoba-Besuch setzte ich mich auf eine Bank an der Plaza San Martin. Bald schon kamen Jung und Alt zu mir und fragten mir ein Loch in die Hose. Lobten meine spanischen Bruchstücke und fragten, wie mir Argentinien und speziell ihre Stadt gefielen. „Das weiß ich erst in ein paar Tagen“, sagte ich und fragte zurück: „In Deutschland gab es viel Kritik an eurer Militärregierung und auch an uns, weil wir dennoch hierher flogen. Wie seht ihr das?“

Alle antworteten gleichzeitig. Im Gewirr der fremden Zungen verstand ich zumindest so viel: „Wir haben die Kritik in euren Medien mitbekommen und sind total sauer. Aber wir sind froh, dass du hier bist. Nur so kannst du dir selbst ein Bild von uns und unserem Land machen. Und eins können wir nicht ausstehen: Wenn unser Land mit der Regierung in einen Topf geworfen wird!“

Auch in den folgenden Wochen fuhr ich von Ascochinga hin und wieder mit dem Taxi nach Cordoba. Mit der Zeit gewann der Taxifahrer Vertrauen zum deutschen Gast. Bei einer Tour deutete er erst auf ein Feld links der Straße, dann auf eine hügelige Wiese rechts. Sein lakonischer Kommentar: „Massengräber“. Da war der Fußball dann nicht mehr so wichtig.

Verwechsle ein Land nicht mit seiner Regierung – dieser Satz wurde zur Richtschnur für alle künftigen Reisen.

Freunde fürs Leben

Ich blieb fünf ereignisreiche Wochen in Argentinien. Das sportliche Abschneiden der deutschen Mannschaft soll an dieser Stelle keine Rolle spielen. Mit Mariano Mirotti (18) und seinem Bruder Fernando (17)  verbindet mich seit den Tagen von Ascochinga eine Freundschaft fürs Leben. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Norddeutschland sprachen sie schon in jungen Jahren perfekt Deutsch und wirkten für meinen Arbeitgeber als Kuriere – sie brachten unsere Manuskripte von Ascochinga ins SID-Büro nach Cordoba. Von dort gelangten die Texte per Telex in die deutschen Redaktionen – so war das im medialen Mittelalter.

Mit Mariano 2005 beim Länderspiel Deutschland – Argentinien in Düsseldorf

Der Kontakt zu den Mirotti-Brüdern, gestandene Anwälte nun, besteht bis heute – Freundschaften halten länger als Diktaturen. Wir trafen einander an den unterschiedlichsten Orten. Einmal kam Mariano gar nach Bangkok; meist aber sahen wir uns in Deutschland, dem Land, dem sich die Brüder so eng verbunden fühlen wie ihr Vater Coco, erklärter Liebhaber der deutschen Literatur.

Myanmar: Eine verstörende Entwicklung

Verwechsle das Land nicht mit dem Staat – an diese Worte hielt ich mich auch 2011 in Myanmar. 

Damals gab es die ersten Anzeichen für eine vorsichtige Öffnung des Landes. Ein Jahr später gewann Aung San Suu Kyis Nationale Liga für Demokratie (NLD) bei Nachwahlen 40 der möglichen 45 Sitze im Parlament. Es war Zufall, dass ich einen Tag darauf wieder in Yangon war, wo ich spontan das Hauptquartier der NLD besuchte – die „Lady“ war leider nicht zugegen. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Touristen und erreichte einen vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2015, als Aung San Suu Kyi bei der Wahl einen erdrutschartigen Sieg feierte.

Aus der Ikone der Menschenrechte ist inzwischen ein Symbol enttäuschter Hoffnungen geworden – selbst Bono von U2 bereut, ihr einst ein eigenes Lied gewidmet zu haben. Die Militärs und ihre Partner ließen schon 2015 klar erkennen, dass sie weder auf Macht verzichten wollten noch auf ihre Dominanz in gewinnträchtigen Geschäften. Spätestens seit den von Suu Kyis Regierung geduldeten brutalen Einsätzen der burmesischen Armee gegen die muslimische Minderheit der Rohingyas ist es für manche Freunde Myanmars nun wieder eine Gewissensfrage, ob sie in dieses wunderbare Land reisen oder nicht.

Letztlich entscheidet natürlich jeder für sich, welches Ziel er ruhigen Gewissens besuchen kann oder eben nicht. China zum Beispiel reizt mich schon lange. Die Provinz Yunnan vorneweg – Hauptstadt Kunming ist von meinem Wohnort Chiang Mai nur einen Luftsprung entfernt. Doch in diesem Fall siegt meine Aversion gegen Chinas politische Führung. Gegen ihren Umgang mit Menschenrechten und ihr immer feiner gesponnenes Überwachungsnetz.  

Auf China also verzichte ich. Myanmar aber werde ich bereisen, sobald es wieder möglich ist. Trotz aller politischen Vorbehalte – Land und Leute sind mir ans Herz gewachsen.

Sehnsuchtsziel: Hpa-an in Myanmar

Bei Travelbook findest du die zehn „ethischsten Reiseziele 2020“.

Bei Travelnews geht es um die Liste der „undemokratischen Reiseziele“ (Stand 2017).