„Je mehr Orte ich sehe und erlebe, desto größer scheint mir die Welt zu sein. Desto mehr realisiere ich, wie wenig ich von allem weiß, wie viele Orte ich noch besuchen will und weiviel es für mich noch zu lernen gibt. Vielleicht bedeutet Weisheit – zumindest für mich – zu realisieren, wie klein ich bin und wie weit ich noch gehen muss.“

Anthony Bourdain

1969. Neil Armstrong flog von Cape Canavaral zum Mond und ich von Hannover nach Berlin. Für Armstrong eine Premiere, für mich auch. Neben mir saß eine ältere Dame, es war auch ihr erster Flug. Ein Kurztrip voller Turbulenzen. Es rüttelte, es knarzte, wir stiegen, wir fielen. Meine Gesichtsfarbe changierte zwischen weiß und Leichentuch. „Ist das nicht herrlich?“, fragte meine Nachbarin, „Fliegen!“

Nichts bleibt außer Erinnerungen

Wir werden in eine Familie hinein geboren, eine Nachbarschaft, eine Stadt, ein Land, eine Gesellschaft, eine Kultur. Das ist die Welt, die wir kennen. Bis wir beginnen zu reisen.

Reisen sind realisierte Träume. Nichts bleibt außer Erinnerungen. Doch woran werde ich denken, wenn ich einmal Bilanz ziehen will oder muss? An meine schöne Wohnung in Meerbusch, in der ich 22 Jahre gerne gelebt habe? An die gelungenste Geschichte meines Journalistenlebens? Oder an den Augenblick in Mandalay, als mich vier Burmesenkinder umringten, weil sie wissen wollten, was auf dem Display meines Handys zu sehen war?

Unterwegs als unbeschriebenes Blatt

Reisen eröffnet die seltene Möglichkeit des ersten Blicks. Schon in früher Jugend musste ich nur in einen Zug steigen – umgehend wurde ich auf meine Werkseinstellungen zurückgesetzt. Die Vergangenheit fiel von mir ab, ich war ein unbeschriebenes Blatt. Ohne Erinnerung, ohne Erfahrung, ohne Vorurteile und ohne konkrete Erwartungshaltung. Ganz in der Gegenwart lebend, voller Vorfreude auf das, was mich erwartete.

Gehe ich heute durch die Straßen Chiang Mais, sehe ich nach vorn gebeugte Menschen, die auf ihr Handy schauen und keinen Blick haben für das, was zu ihrer LInken oder Rechten geschieht. Meist sind sie per GPS auf dem Weg zu einer Sehenswürdigkeit, die sie auf Facebook, Instagram oder Pinterest posten und danach abhaken können. Sie waren da, wo die anderen auch schon waren. Selten sie in den Seitengassen, in denen Asien noch deutlich mehr Asien ist und nicht auf dem Weg in eine vom Westen entworfene Moderne, die alle Unterschiede nivelliert.

Auch ich mache Fotos, sonst gäbe es meinen Reiseblog Faszination Fernost nicht. Ob ich auf meinen Reisen mehr sehe, mehr wahrnehme als viele andere, weiß ich nicht. Schaue ich wirklich genauer hin, wandle ich tatsächlich auch mal abseits der ausgetretenen Pfade? Reisen ist immer auch eine Frage der individuellen Prioritäten. Manche sammeln gerne Länderpunkte, ich bevorzuge eher, einen Ort besser kennenzulernen. Deshalb besuche ich immer wieder gerne Luang Prabang, aber auf den Philippinen war ich noch nie. Es muss noch weiße Flecken geben, von denen ich träumen kann.

Die für mich wegweisende Lektion lernte ich auf einer vierwöchigen USA-Reise 1981. Vier Wochen sind eigentlich viel, es sei denn, man bereist die Vereinigten Staaten von Amerika. Schon nach wenigen Tagen beschlossen wir, weniger Plätze aufzusuchen als geplant und dafür länger dort zu verweilen. Für Carmel-by-the-Sea zum Beispiel, diesen idyllischen Ort an der kalifornischen Westküste mit knapp 4000 Einwohnern, hatten wir ursprünglich nur ein paar Stunden plus Übernachtung vorgesehen. So aber blieben wir drei Tage und Nächte. Zeit genug, um mit den Einheimischen zu plaudern und von ihnen zu erfahren, dass schon Hemingway, Steinbeck und Jack London zeitweise in Carmel gelebt hatten.

An unserem letzten Abend saßen wir in einer Kneipe, die Tür ging auf und herein kam ein schlaksiger Hüne mit ungewöhnlicher Aura: Auftritt Clint Eastwood. Für die Carmeliter (heißen die so?) ein vertrauter Anblick. Als Kandidat der Republikanischen Partei wurde „Dirty Harry“ 1986 sogar Bürgermeister des Ortes.

Auf der Flucht vor dem Alltag

In den letzten Jahren wuchs die Zahl der Magazine und Bücher, die den Begriff Eskapismus im Titel spazierenführen. Ein klarer Hinweis darauf, dass Reisen und Urlaub für immer mehr Menschen vor allem Flucht aus einem fordernden Alltag bedeuten.

Thailand: Another day in the office (Foto B. Linnhoff)

Die sogenannten Billigflieger haben das Reisen demokratisiert. So wurde Tourismus zu einer der wenigen Branchen, die ständig steigendes Wachstum versprachen. Bis aus dem Steigflug schlagartig ein Sturzflug wurde, dem Coronavirus sei Dank.

Wir werden sehen, wie sich die Branche für die Zeit nach der Coronakrise wappnet. Ob und wie wir unser Reiseverhalten verändern werden. Ob wir wirklich weniger reisen werden, auch weil mit dem Klimawandel der nächste Brennpunkt schon wartet.

Auch die zeitlosen Themen beschäftigen mich: Was nehmen wir tatsächlich mit von unseren Reisen? Kehren wir verändert heim? Welchen Einfluss haben Reisemagazine auf die Wahl unserer Ziele? Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz in der Reisewelt spielen?

In meinem Leben bin ich leidenschaftlich gerne und oft gereist. Seit einiger Zeit lebe ich auf einem Kontinent, der immer noch darauf wartet, entdeckt zu werden. So reich an Kultur, Natur, Geschichte, Gastronomie – je öfter ich mir meine Fotos anschaue, umso mehr merke ich, wie wenig ich noch immer von Asien weiß und wieviel es noch zu lernen gibt.

Angkor Wat (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Titelbild: Ballonfahrt über den Tempel von Bagan (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)