Pop Art is for everyone

Als Andy Warhol im September 2020 diese Porträts von mir produzierte, war er schon lange tot. Den Gag aber würde er mögen. Ist er doch – wie die aktuelle Warhol-Ausstellung in Bangkok – Beweis dafür, dass sein Werk lebt. Und da ich vergaß, die Maske abzunehmen, wurde es ein Warhol-Porträt in den Tagen von Covid-19.

Er gab dem Glamour Tiefe und dem Banalen Glanz

Ausstellung mit Lebenslauf (Foto B. Linnhoff)

„Dieses Projekt wird getragen von Hoffnung und Zuversicht“, sagt Linda Cheng, Geschäftsführerin des Kunsthauses River City Bangkok, „Kunst bereichert unseren Geist und nährt unsere Seele. Als Andy Warhol sagte: Pop Art ist für jeden da, wollte er ein Zeichen geben, dass Kunst jedem zugänglich sein sollte, nicht nur einer Elite.“

Foto: B. Linnhoff

Zwei Jahre dauerte die Vorbereitung der Ausstellung. Wegen Corona wurde die Eröffnung vom Mai 2020 auf den August verschoben. Seither ist Andy Warhol in Thailands Hauptstadt zu sehen. In 128 Originalobjekten – es ist die komplette Sammlung des Kunsthändlers Gianfranco Rosini, der schon mit 13 Jahren Werke von Warhol zu sammeln begann und seine Exponate nun dankenswerterweise nach Thailand brachte.

Foto B. Linnhoff

Zu normalen Zeiten würden sich nun Tausende drängeln, um das Werk eines Mannes zu besichtigen, der die Kunst der Moderne massiv beeinflusste. Stattdessen heißt das Gebot der Stunde „Abstand halten“ – nur wenige Interessierte dürfen sich zeitgleich auf immerhin 900 Quadratmetern bewegen. Schade genug. Denn was wir sehen, verdient ein volles Haus.

Foto B. Linnhoff

Er sah die Zukunft voraus

„Andy sah die Kunst in allem und war enthusiastisch wie ein Kind bei allem, was er tat. Wenn er mit seiner Polaroid ein Bild von sich selbst machte, machte er ein Foto von der Zukunft, in der jeder ein Bild von sich machen würde, jeder auf eine Bühne wollte, auf eine Leinwand, ein Foto, das Cover eines Klatschmagazins. Andy sah ihn kommen, all den Hype um das Berühmtsein. Und er trug dazu bei, dass es so kam.“

Grace Jones

Foto links: Andy Warhol mit Joseph Beuys 1980 (Bild aus der Ausstellung in Bangkok)

Die Sprache der Zeichen

Auch Warhols ikonische Coca-Cola-Flasche ist in der Ausstellung zu sehen, darunter ein Plattencover für Velvet Undergrund (Foto B. Linnhoff)

Bevor Warhol berühmt wurde, war er längst ein anerkannter Werbegrafiker, Illustrator und Künstler. Schon 1962 bekam er in Los Angeles mit den Campbell’s Soup Cans seine erste Einzelausstellung. Dafür produzierte er 32 fast identische Bilder, weil es die Suppenkonserve in 32 verschiedenen Geschmacksrichtungen gab (Quelle: Wikipedia).

Warhol-Exponate in Bangkok

Die Bilder trafen auf totales Unverständnis. Nur fünf Käufer erkannten die revolutionäre Neuerung in Warhols Sichtweise; einer von ihnen war der Schauspieler Dennis Hopper. Keiner der Käufer erhielt sein Bild, für das jeder 100 Dollar bezahlt hätte, weil Galerist Irving Blum in Absprache mit Warhol das Ensemble zusammenhalten wollte und nach der Ausstellung komplett für 100.000 Dollar kaufte, obwohl Warhol nur 1.000 Dollar gefordert hatte.

1996 wurden sie für 15 Millionen Dollar an das Museum of Modern Art in New York City veräußert.

Warhols Campbell-Suppen-Schuhe (Foto B. Linnhoff)

New York: Zentrum des künstlerischen Universums

Warhol und Jones bei der Hochzeit von Arnoold Schwarzenegger und Maria Shriver (Foto: FAZ)

„I`ll never write my memoirs“, lautet der selbstironische Titel der Autobiographie von Grace Jones. Die jamaikanische Sängerin und Schauspielerin, selbst Stil-Ikone der exzessiven Disco-Ära rund ums Studio 54, widmet Wegbegleiter Warhol ein ganzes Kapitel. Es ist so klug und so gut beobachtet – deshalb einige (gekürzte) Zitate:

„Als Andy nach Manhattan kam, fühlte er sich als Außenseiter. Er war immer noch dabei herauszufinden, wer er war und wo sein Platz war. In den Sechzigern und Siebzigern war New York das Zentrum des künstlerischen Universums, The Factory das Zentrum des Zentrums und Andy der Mann im Zentrum des Zentrums. In seiner Factory, einem Gebäude nahe dem Empire State Building, schuf er Stars, die er umgehend Superstars nannte; fortan setzte er den Standard für Ruhm, Skandal, Erfolg, Misserfolg und seine Vorstellung von der High Society.

Das US-amerikanische Lifestyle-Magazin Interview wurde 1969 von Andy Warhol und dem Journalisten John Wilcock in New York gegründet. Die Titel mit den Porträts der Reichen, Schönen und Berühmten gestaltete Richard Bernstein. Grace Jones: „Alle glaubten natürlich, sie seien von Andy persönlich. Wenn ihm die Cover vorgelegt wurden, gab er Anweisungen wie ein plastischer Chrirurg: Lass das weg, kürze dies, beschneide jenes, füge mehr Farbe hinzu, ändere diese Nase usw. Und ganz selten: Lass es so, wie es ist.“

Rocky und Robin Williams (Foto B. Linnhoff)

„Andy war sehr unsicher und blieb lieber als Beobachter im Hintergrund, kaum zu sehen oder zu hören. Er ging ungern in die Clubs, aber es war Teil seiner gesellschaftlichen Verpflchtungen. Doch auch da bewegte er sich kaum, stand im Dunkeln, beobachtete die, die um Aufmerksamkeit buhlten und hielt alles und alle auf Distanz. Aber keiner lernte ihn wirklich kennen.

Mit Salvador Dalì (Foto aus der Ausstellung im River City)

Andy hatte Angst, in der Menge zu stehen, doch er hätte das nie zugegeben. Und er liebte Klatsch, davon konnte er nicht genug bekommen. Er hatte immer ein kleines Tonband in der Jackentasche, nahe am Herz, um Gespräche aufzunehmen und Erinnerungsnotizen – es war ein Teil von ihm. Er nannte es seine Ehefrau.“

Besessen von Prominenz

Foto B. Linnhoff

„Er war von Berühmtheit besessen, von den Berühmten auch (John und Yoko, Tom Wolfe, Robert Redford, die Kennedy-Kids, Mick und Bianca Jagger). Und so wurde er schließlich selbst berühmt.

Er hielt ein Autogramm in Ehren, dass er als 13-Jähriger von Shirley Temple bekommen hatte: To Andrew Warhola.

Seine Eltern Ondrej Varhola (amerikanisiert zu Warhola) und Julia Justyna waren Immigranten aus dem Dorf Miková in den Karpaten.

Acht Mal Mick Jagger (Foto B. Linnhoff)

Seine letzte Verabredung

Noch einmal Grace Jones: „Das letzte Foto von Andy zeigt ihn auf dem Rücksitz des Autos, das ihn zum Krankenhaus fuhr, zur Operation. Sein Gesichtsausdruck zeigte uns, dass er glaubte, dem Unbekannten entgegenzufahren: Seiner letzten Verabredung.“

Pop Art is for everyone

Pop Art für alle – Andy Warhol beim Wort genommen: Sein Ticket von einem Film-Festival 1967, mein Ticket von der Warhol-Ausstellung, 17. 9. 2020

Und das ist der Gag: Jeder Ausstellungsbesucher kann sich im River City Bangkok posthum im Warhol-Stil porträtieren lassen. Ganz im Sinne des Meisters: Die Vervielfältigung ist wichtiger als das singuläre Objekt.

„Andy Warhol: Pop Art“, 2. Stock in der River City Bangkok Galleria ist bis zum 24. November 2020 geöffnet (an Werktagen von 11 bis 20 Uhr, am Wochenende von 10 bis 20 Uhr). Das Ticket kostet für Erwachsene 400 Baht und für Schüler/Studenten und Senioren (über 60) 300 Baht.

The Factory in Bangkok (Foto B. Linnhoff)