Der miese, niederträchtige Kampf der BILD-Zeitung gegen den Virologen Dr. Drosten bewegt die Gemüter, meins auch. Es ist für mich hohe Zeit, das zutiefst unseriöse Wirken charakterloser Brandstifter wie Chefredakteur Reichelt nicht mehr nur mit stillem Zorn zu begleiten.

Als Nachrichtenjunkie habe ich lebenslang Zeitungen und Magazine verschlungen, darunter immer auch die BILD-Zeitung. Weil sie mir auf die Schnelle einen Überblick über die alltägliche Nachrichtenlage gab und weil manches darin stand, oft exklusiv, was ich zu meiner Zeit als Journalist wissen musste. Und weil sich die Arbeitsweise der Kollegen dort so extrem von meiner unterschied, unterscheiden musste – eine Boulevardzeitung verfolgt andere Ziele als Presseagenturen wie dpa oder SID, für die ich damals arbeitete.

Meine Beziehung zu BILD war so kritisch wie ambivalent. Manche Geschichten gefielen mir, andere nicht und manche wären besser nie geschrieben worden. Einigen Kollegen aus der Sportredaktion war und bin ich freundschaftlich-kollegial verbunden. Einer von ihnen, Alfred Draxler, ist seit fast fünfzig Jahren einer meiner engsten Freunde, aus guten Gründen. Dafür mussten wir nicht immer einer Meinung sein. Wir wuchsen beide in einer Zeit auf, in der die ständige argumentative Auseinandersetzung so selbstverständlich war wie das Wissen, dass unterschiedliche Auffassungen das Leben befruchten können.

Als Expat in Thailand lebe ich seit einigen Jahren in zwei Welten. Zu meinem Leben gehört immer auch die Nachrichtenlage in der alten Heimat, derzeit mehr denn je. Bild.de hat für mich nun als Informationsquelle ausgedient. Das Portal wird es verkraften und meiner seelischen Gesundheit wird der Verzicht guttun.

„Der Begriff Journalist ist nicht mehr zu gebrauchen.“

Im Medienjournal DWDL machte sich der Journalist Hans Hoff noch vor der BILD-Geschichte Luft: „Jeder kann sich Journalist nennen, der Titel ist nicht geschützt. Und leider tun das auch all jene, die für sogenannte `Reichweitenportale` und auf Lügen und Erfindungen aufgebaute Boulevardtitel arbeiten. Als Berufsbezeichnung ist `Journalist“ damit längst unbrauchbar.“ Hoff nannte BILD „ein Hetzblatt“. Spätestens jetzt stimme ich ihm zu. Seit das Blatt die Story publizierte: „Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“.

In Krisenzeiten wie jetzt zeigen sich die Bruchlinien einer Gesellschaft deutlicher, auch die Bruchlinien in der medialen Begleitung einer Krise. Laut „MEEDIA Trending-Newsletter“ generierte der BILD-Artikel „über 36.000 Interaktionen auf Facebook und Twitter. Das Publikum … kam zu großen Teilen von Facebook-Seiten der AfD oder obskuren Pages und Gruppen mit Namen wie `So werden wir dumm gehalten` oder Corona Rebellen„. Dort lässt sich dann über Drosten lesen: Das ist der größte Verbrecher …..allein sein Blick lässt einiges daraus schließen„ …

Meedia weiter: „Drosten wurde von Bild aufgefordert, innerhalb einer Stunde zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dazu twitterte er: `Ich habe Besseres zu tun.` Unschön: In einer ersten Version des Tweets veröffentlichte Drosten offenbar die Handy-Nummer des Autors Filipp Piatov in einem Screenshot der Mail-Anfrage. Später löschte er diesen Tweet. Drostens „Ich habe Besseres zu tun“-Tweet kam bis zum späten Abend auf unglaubliche 51.000 Likes und Retweets, er war mit Abstand der aufmerksamkeitsstärkste deutsche Tweet des Tages.“

Die von BILD als „Zeugen“ aufgerufenen Wissescnhaftler distanzierten sich umgehend.

Ein ehemaliger BILD-Journalist nimmt Stellung

Auf Facebook schreibt Georg Streiter, lange Zeit bei BILD und Bild am Sonntag beschäftigt:

Beinahe die Hälfte meiner 34-jährigen Tätigkeit als Journalist habe ich bei „Bild“ und „Bild am Sonntag“ gearbeitet. Daher lasse ich mich nicht von Leuten vereinnahmen, die „Bild“ schon immer und sowieso schrecklich finden. Aber deshalb tut es umso mehr weh, zu beobachten, wie der aktuelle Chefredakteur mit einer Handvoll gläubiger Jünger seit März 2018 die gute Arbeit der Mehrheit ihrer Kolleginnen und Kollegen ruiniert. Heute mal wieder am Start: Filipp Piatov, der im Impressum als Ressortleiter für „Meinung“ ausgewiesen ist. Verfolgt man seine Machwerke über längere Zeit, kommt man schnell darauf, was wohl seine Aufgabe ist: Piatov ist nicht dafür zuständig, verschiedenen Meinungen im Blatt Raum zu geben, sondern ausschließlich dafür, die Meinung des Chefredakteurs durchzusetzen.

Nun will Piatov also Professor Christian Drosten zur Schlachtbank führen und präsentiert uns heute die Schlagzeile: „Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht – Kollegen von Star-Virologe Prof. Drosten räumen Fehler ein“.

Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden „Recherche“-Methoden von Herrn Piatov ignoriert, …bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt. Durch GAR NICHTS! Wenn Herr Piatov auch nur einen Hauch Ahnung hätte vom Boulevard-Journalismus, dann wüsste er: Was in der Schlagzeile steht, sollte auch im Text stehen. Da steht es aber nicht. Da steht nur die von Herrn Piatov selbst aufgeworfene FRAGE: „Sind unsere Schulen und Kitas dicht, weil Drosten sich verrechnet hat?“ Fragezeichen! Im Ernst?

Auch für die Behauptung, in Drostens Forscherteam seien „Fehler bereits eingeräumt“ worden, findet sich im Text nicht der Hauch eines Beleges. Die Quelle sind „BILD-Informationen“. Wenn man aber jemanden so an die Wand nagelt, dann sollte man schon die Karten auf den Tisch legen.

Ich habe von Virologie keine Ahnung, aber von Journalismus durchaus. Ob Prof. Drosten immer alles richtig macht, weiß ich nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Prof. Drosten seinen Beruf weitaus besser kann als Herr Piatov seinen.

Er hat auch überhaupt nicht begriffen, wie Wissenschaft funktioniert. Da geht es nämlich kooperativ zu: Wissenschaftler forschen (und wissen nicht schon alles wie Her Piatov). Sie veröffentlichen und stellen ihre (Teil-) Ergebnisse weltweit zur Diskussion. Dann geht es hin und her – und erst nach einiger Zeit (das kann Jahre oder Jahrzehnte dauern) gibt es eine mehr oder weniger abschließende wissenschaftliche Erkenntnis.

Einen Piatov-Text dagegen kann man in 20 Minuten dahinrotzen. Egal, ob man Ahnung hat oder nicht. Egal, welchen Schaden man damit anrichtet. Egal, wen man gerade hinrichtet.

Warum führt die „Bild“-Zeitung eine Kampagne gegen Christian Drosten?“, fragt Kolumnist Sascha Lobo auf Spiegel.de. Und antwortet selbst: „Der Virologe gilt als abwägend und abwartend – und steht damit gegen Bauchgefühl und vorschnelle Eindeutigkeit, die wichtigsten Essenzen von Bild.“ Die ganze Kolumne hier.