Update: Video von Florenz Kittel und Sam Gruber auf Facebook

Medienwirksame Festnahme

„Nein, nicht die Menschen Thailands, seine Staatsgewalt sind es, die mir Angst machen und die Freude nehmen.“

Schreibt Sam Gruber, seit 22 Jahren in Thailand lebend. Er formuliert, was viele der in Thailand lebenden Ausländer seit einigen Jahren mürbe macht und ihnen manchmal auch Angst einjagt. Noch einmal: Es sind nicht die Menschen hier. Sonst wären wir nicht in dieses Land ausgewandert.

Krisen schärfen nicht überall nur den Blick für das, was funktioniert und was nicht. So auch jetzt. Thais können ausgesprochen egoistisch sein, doch in Zeiten der Not sind sie unglaublich solidarisch. Schon seit Wochen organisieren sie in vielen Städten und Regionen Essensspenden und -ausgaben für bedürftige Landsleute. Immer mehr Menschen hier haben ihren Job verloren, so wie in anderen Ländern auch in der Corono-Krise. Dank karger Löhne und fehlender sozialer Absicherung leben die meisten Werktätigen schon in normalen Zeiten von der Hand in den Mund. Und nun können sie wegen der Reisebeschränkungen nicht einmal in ihre Heimatprovinzen ausweichen, wo sie von ihren Familien aufgefangen würden.

Nach kurzer Zeit reihten sich auch die Expats bei den Spendern ein. Auf Koh Samui organisiert Sam Gruber zusammen mit seinem deutschen Landsmann Florenz Kittel Essensspenden für Bedürftige. Mit einigem Erfolg. Um andere Expats zu motivieren und die Not vieler Thais und Burmesen zu dokumentieren, posteten die beiden Videos von ihren Aktionen auf Facebook. Gestern wurden Sam und Florenz von einem beeindruckenden Polizeiaufgebot vorübergehend festgenommen.

Dazu hat Sam Gruber heute folgende Zeilen gepostet – mit Mut zum Risiko:

Guten Morgen nach dem Schreck in der Mittagsstunde gestern und unserer vorübergehenden medienwirksamen Festnahme durch Polizei und Immigration. Man hat an uns ein Exempel statuiert.

Erst einmal zum Eigenverschulden: Ja, wir haben gegen das Social Distancing verstossen bei unseren beiden Essensausgaben an die halb verhungerten Burmesen in den Camps Baan Thai und Chaweng Noi. Wir haben die Situation unterschätzt und gleich danach bereits selbst Vorkehrungen für die nächsten Aktionen getroffen, um das zu vermeiden. Auch mit dem Superintendenten hatte ich einen Tag vor unserer Einvernahme ein sehr freundliches Telefongespräch, in dem wir uns ohne grosses Tamtam auf eine gemeinsame Strategie einigten.

Dann kam gestern. Das Aufgebot hochrangiger Polizeioffiziere und ihrer Helfer war beachtlich. Sie filmten und fotografierten uns während der ganzen Prozedur. Einige wenige waren freundlich, die anderen kalt, arrogant, ausländerfeindlich. Man sah die Verachtung in ihren Augen. Irgendetwas muss dahinterstecken, weitaus mehr als unser Verstoss gegen das soziale Distanzieren.

Wir müssen das abhaken und wir wissen, dass weitere Videos, in denen Koh Samui und sein Tourimus in ein negatives Licht geraten könnten, unser Ende hier bedeutet. Die heile Welt zuerst und danach die Hilfe. Wir drehen das nun um: Zuerst die Hilfe und keine unheile Welt mehr. Zum Eigenschutz und insbesondere deshalb, weil diese armen Frauen, Kinder und Männer ohne uns und euch nur wenig zu erwarten haben. Also: weitermachen mit Scheuklappen bezüglich der Umstände und voller Fokus auf die Menschen.

Ich habe keine Angst, aus Thailand herausgeworfen zu werden, meine Frau und meine Mitarbeiter natürlich schon. Ohne mich sind sie auch erledigt. Ich war stets der Motor, der alles am laufen hielt. Auf der anderen Seite habe ich hier in 22 Jahren Dinge erlebt, gerade von der oben genannten Fakultät, da schwindet die Freude am Land des verlorenen Lächelns. Nein, nicht die Menschen Thailands, seine Staatsgewalt sind es, die mir Angst machen und die Freude nehmen.

Es ist mir egal, ob das nun auf Thai übersetzt wird und mich neuerlich vor ein Polizeitribunal bringt oder gar in tiefere Verliesse des Lebens. Wenn einer, der hilft, der nachweislich den ärmsten der Armen ein schlimmeres Schicksal ersparen möchte, der nie straffällig geworden ist in 22 Jahren, wenn der so schnell auf die Kippe gerät – dann stellt sich durchaus auch die Frage, ob wir hier falsch liegen oder möglicherweise die Richtigliegenden…?

Die Aktionen werden nun penibel mit den thailändischen Behörden abgesprochen und durchgeführt. Das tun wir gerne und wir folgen liebend gerne vernünftigen und wichtigen Regeln. Das macht Sinn und wir entschuldigen uns für Fehler, die gemacht wurden. Aber ich bleibe dabei: ein freundliches Gespräch in kleinerer Runde und ohne unsere öffentliche Vorführung hätte positiver gewirkt. Diesbezüglich müssten diese Herren lernen, dass das Image ihres Landes auch von ihnen nach aussen getragen wird. Aber wie erklärt man das Leuten, die sich immer nur im Recht fühlen und nie hinterfragen?

Ohne Worte