Der Tod ist ein stabiles Geschäft

Fast alle Printmedien haben in der Ära der Digitalisierung eine wichtige Einkunftsquelle ans Internet verloren: den lukrativen Marktplatz der Kleinanzeigen. Partnerschaftsanzeigen, Automarkt, Immobilien. Allein die Todesanzeigen haben in gedruckter Form überlebt, sie bleiben ein stabiles, verlässliches Geschäft.

Auf diese Nachricht hätte ich gerne verzichtet: Little Richard ist tot. Der Pionier des Rock`n`Roll starb vor zwei Tagen im Alter von 87 Jahren. Beim Lesen der Nachrufe fiel mir wieder ein, wie aufmerksam mein Vater Tag für Tag die Todesanzeigen im Westfälischen Anzeiger studierte, der Lokalzeitung seines lebenslangen Wohnortes Hamm/Westfalen. Wie so viele Ältere wollte er sehen, wen er überlebt und wen er verloren hatte. Als sich sein letzter Tennispartner für immer verabschiedete, war mein Vater 78 und ungewöhnlich fit. Doch er hatte keine Gegner mehr.

Manchmal vermuteten wir, seine drei Söhne, dass unser Erzeuger die Todesanzeigen mit subtilem Stolz registrierte: Ich bin noch da! War es die Erfahrung Krieg, die das Weiterleben noch wertvoller machte? Im Zweiten Weltkrieg hatte Vater den winterlichen Russlandfeldzug mitgemacht und danach die Kriegsgefangenschaft in Frankreich, den USA und Schottland.

Von dieser Zeit erzählte er nur widerstrebend. Wir erfuhren nie, was er wirklich gesehen und was ihm die Sprache verschlagen hatte. Übrig blieb ein scheinbarer Widerspruch: Er fürchtete den Kommunismus, doch von den Menschen Russlands sprach er voller Respekt.

Wenn er, sehr selten nur, Mundharmonika spielte, war unser Vater ganz bei sich. In den Fünfzigerjahren, in denen ich aufwuchs, spielte er die Lieder von Dean Martin, Perry Como, Frank Sinatra. Rock`n`Roller gehörten definitiv nicht zu seinen Favoriten. Er nahm sie hin wie das Wetter. Little Richards schräge Töne aber fürchtete er. Wollte ich unser Wohnzimmer für mich haben, musste ich „Long Tall Sally“ auf dem Plattenteller nur anspielen, und schon verließen meine Eltern den Raum im Laufschritt.

Little Richard: Eine Ekstase, der sich niemand entziehen konnte“, titelt heute heute die New York Times den Nachruf auf Richard Pennyman, besser bekannt als Little Richard. In meinen jüngsten Jahren prägte er mein Gemüt mit Rhythmus und Energie – Melodie oder Texte bekam ich kaum mit. Für Mick Jagger, John Lennon, Elton John und viele andere wurde Little Richard ein einflussreiches Vorbild – als Sänger, Songschreiber und pures Dynamit auf der Bühne. Bob Dylan postete auf Facebook einen bewegenden Nachruf:

„I’m so grieved. He was my shining star and guiding light back when I was only a little boy. His was the original spirit that moved me to do everything I would do. I played some shows with him in Europe in the early nineties and got to hang out in his dressing room a lot. He was always generous, kind and humble. And still dynamite as a performer and a musician and you could still learn plenty from him. In his presence he was always the same Little Richard that I first heard and was awed by growing up and I always was the same little boy. Of course he’ll live forever. But it’s like a part of your life is gone.“

Das tägliche Update

Fast täglich könnte ich inzwischen Menschen mit persönlichen Worten verabschieden, die ich kannte und/oder schätzte. Das ist halt der Preis, den man zahlt fürs Überleben. Eben las ich, dass Jerry Stiller (92) gestorben ist, der großartige Arthur in der populären TV-Serie Queens. So hält jeder Abschied das Gefühl der eigenen Vergänglichkeit wach – was manchmal schmerzhaft ist und immer wertvoll. Im Übrigen vertraue ich der alten Kartenspiel-Weisheit: Wer schreibt, der bleibt. Es kann nur Zufall sein, dass ich gerade das Buch „Rot“ von Uwe Timm lese, das im Titel nicht den leisesten Hinweis enthält, dass die Hauptfigur als Beerdigungsredner wirkt.

Die New York Times hat für Nachrufe seit Jahrzehnten ein eigenständiges redaktionelles Ressort: Obituaries. Roy Horn, die eine Hälfte des magischen Duos Siegfried & Roy, ist nun auch dort vertreten. In der Coronakrise, die nirgends soviel Opfer fordert wie in den USA, ist nun eine weitere Plattform hinzugekommen. Angehörige und Freunde von Covid-19-Opfern können ihre ganz persönlichen Nachrufe an die Times senden und die Verstorbenen so der Anonymität entreißen.

Mein Vater wurde das Studium der täglichen Todesanzeigen im Westfälischen Anzeiger gar nicht leid. Bis er nur noch selten vertraute Namen entdeckte. Er starb im Juni 2015 im gesegneten Alter von 95 Jahren.