Farangs im Cartoon

Die neue Normalität

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Noch nie habe ich mich so darauf gefreut, die Haare geschnitten zu bekommen. Das ist nämlich jetzt wieder erlaubt. Ich habe sie mir dann auch gleich weiß färben lassen, um mal herauszufinden, wie ich im Alter aussehen werde. Das interessiert einen doch, wenn man – wie ich – 71 ist.

Nach Wochen der Isolation fällt es plötzlich unter Luxus, ein Restaurant besuchen zu dürfen. In Chiang Mai öffnete Landsmann Olaf Kujawa am Freitag wieder die Tore seiner Breakfastworld, die nun – Frühstück hin oder her – von 9 bis 9 serviert. Dort habe ich gestern qualitativ hochgestochenen deutschen Spargel genossen. Aus dem Ried, wie Olaf nicht müde wird zu betonen. Meine Frau Toey und ihre Freundin Pim klärten mich bei der Gelegenheit darüber auf, dass die Thais den Spargel „Farang Bamboo“ nennen, frei übersetzt: Ausländer-Bambus.

Schon einen Tag zuvor hatte ich im „Nakara Jardin“ die neue Freiheit genutzt und meine Lieblingskombination Capuccino+Eiskrem bestellt. Und, was viel wichtiger ist, auch verzehrt. Das Bistro liegt, im Schatten einer riesigen Seidenakazie, am Ping River und hält selbstverständlich die Hygieneregeln ein: Temperaturkontrolle, Desinifizieren der Hände, Abstand zu den anderen Gästen, leises Sprechen, freundliches Gesicht.

Foto: B. Linnhoff

Die Öffnung der Restaurants in Thailand hat den Betreibern nach meinen Beobachtungen in Chiang Mai wenig gebracht. Einige Lokalitäten haben bereits wieder geschlossen – kaum Gäste. Die Expats halten sich zurück, Touristen gibt es nicht und die Thais haben kein Geld. Ihre Not ist nicht geringer geworden, deshalb sind die Lebensmittelspenden unverändert notwendig.

Vor allen Spendern ziehe ich ganz tief meinen Hut. Sie haben dafür gesorgt, dass sich viele Menschen zumindest um ihre nächste Mahlzeit keine Sorgen machen müssen – und sie haben zudem das Verhältnis zwischen Einheimischen und Zuwanderern inniger und stabiler gestaltet. Der Farang-Beitrag „Ansteckende Welle der Hilfsbereitschaft“ nennt einige Beispiele stellvertetend; im Gegenzug bedanken sich hier gestrandete Touristen für die Gastfreundschaft der Thais in unruhigen Zeiten.

Foto: Der Farang

Was passiert da gerade in Deutschland?

Die Zeichen der Solidarität zwischen Farangs und Thais zählen zu den Gründen, warum ich unverändert gerne in Thailand lebe. Dass ich übers Internet in Echtzeit mit dem Geschehen in Deutschland verbunden bin, ist oft gut und im Moment nicht gesund. Die Demos einer seltsam durchmischten, stärker werdenden Fraktion der Verschwörungstheoretiker machen mir Angst. Lange wusste ich nicht, warum diese Leute „Aluhüte“ genannt werden – angeblich ist der Ursprung eine Gruppe, die das Tragen von Aluminiumhüten gegen gefährliche Radiowellen empfahl (ohne Gewähr).

In Thailand, in Asien generell, ist Mehrdeutigkeit selbstverständlicher Teil des Lebens. Buddhismus und Geisterglaube etwa schließen sich keineswegs aus. Die Menschen im Westen aber benötigen Eindeutigkeit. Entweder – oder, aber bitte nicht sowohl als auch. Etwas nicht zu kennen oder nicht zu wissen, ist auch nur eine andere Formulierung für Kontrollverlust – wir haben doch so gerne alles im Griff.

Wer immer in den letzten Wochen im Schnelldurchlauf seine Onlineausbildung zum Corona-Experten absolviert hat, kann übrigens nun das entsprechende Diplom erwerben (siehe links). Erteilt von der größten Universität der Welt. In der Information gerne mit Wissen verwechselt wird.

Schon immer waren die Unzufriedenen motivierter und lauter als die, die mit dem Geschehen im weitesten Sinn einverstanden waren. So sichern sich die Lauten auch jetzt oft eine Bedeutung, die ihrer Zahl – zumindest zu Anfang – nicht entspricht. Mit wachsender Aufmerksamkeit aber könnte ihre Bedeutung wachsen und die Zahl derer, die da singen: Aluhut steht mir gut.

Wie gehen die deutschen Medien mit dem Thema um? Die BILD-Zeitung tat sich schwer mit dem Ergebnis einer hauseigenen Meinungsumfrage, der zufolge die Deutschen selten so zufrieden mit Merkel und Co. waren wie jetzt. Das passte nicht ganz so gut in die von Chefzündler Julian Reichelt vorgegebene Anti-Merkel-Stoßrichtung. Die Aufgabe lautete also: Mit welcher Überschrift lenke ich am besten vom Positiven der Nachricht ab? Das Ergebnis:

„Unzufriedenheit mit Merkel und Co. auf Rekordtief“

Perfekt gelöst! Wie viele LeserInnen sind auf die Formulierung hereingefallen?. Erst der Text macht deutlich, dass Mutti hoch und trocken auf einem Umfragehoch schwebt. Wie immer in solchen Fällen, steht der Text jedoch hinter der Bezahlschranke, so dass die meisten LeserInnen nur die Überschrift konsumieren konnten.

Ich rechne mich eher zu den Leisen. Ist für die Leisen der Zeitpunkt gekommen, lauter zu werden? Ein Gegengewicht zu schaffen zu den Überzeugungen derer, die gerade in Deutschland demonstrieren? Vielleicht in der Art, wie es Andreas Niesmann in einem Beitrag des Redaktionsnetzwerkes Deutschland getan hat.

Mein Freund John und der schüchterne Tom

John Fengler lebt normalerweise in Chiang Mai, seinen ganz persönlichen Lockdown zieht er jedoch in seiner Heimatstadt San Francisco durch, mit Blick auf die Golden Gate Bridge. Obwohl ein begnadeter Essayist, weigert er sich standhaft, seine Geschichten in ein Buch zu gießen. Schade genug.

John mit 24

Dieser Tage hatte John Geburtstag. Am Donnerstag, dem „Throw-back-Thursday“, postete er eine weitere Episode seines Lebens auf Facebook. Es ging um einen dreimonatigen Aufenthalt 1981 in der Valley Forge Military Academy in Pennsylvania. John war 24, seine Freunde ein wenig jünger, der schüchterne Tom (18) und Tim, Evan and Sean. „Wie jung und furchtlos wir damals doch waren“, schrieb John, „heute sind wir älter und weiser, also jedenfalls älter. Tom würde mich heute nicht einmal erkennen, wenn er über mich fiele.“

Der schüchterne Tom (links)

„Immerhin“, so John weiter, „scheint Tom seine Schüchternheit inzwischen überwunden zu haben. In mehr als 60 Filmen erlangte er Ruhm und Reichtum.“

Der nicht mehr so schüchterne Tom (Foto: Alamy)

Das komische Leben der Farangs

Stéphane „Stephff“ Peray, geboren in Paris, lebt seit 1989 in Bangkok. Der ehemalige Fotograf hat sich als Cartoonist in internationalen Medien einen Namen gemacht. In seinem aktuellen Buch spielt Peray mit all den Klischees, die zu den Farangs in Thailand kursieren, den weißen Ausländern also.

Wer in Thailand lebt und genügend Selbstironie aufbringt, kann das Buch direkt bei Stéphane Peray bestellen.

Der Suff und die Statistik

Foto: Der Farang

Freiheit und Verantwortung, ein schwieriges Kapitel auch in Thailand. Dass die Thais vor einer Woche Alkohol in rauen Mengen hamsterten, war auch der Flip-Flop-Kommunikation der Thai-Regierung geschuldet – die Befürchtung war groß, dass der Verkauf von Alkohol womöglich kurzfristig wieder verboten würde. Nun kommt es nicht überraschend, dass in den letzten Tagen die Zahl der Verkehrsunfälle mit Todesfolge wieder gestiegen ist. So schnell lassen sich die Thais ihren Spitzenplatz in den Internationalen Statistiken nicht nehmen.

Ohne Worte: Das kann nur Kunst

Superman hat ausgedient im Moment, die Helden unseres Alltags sind derzeit andere (warum nur derzeit?). Krankenschwestern zum Beispiel. Eine Zeichnung des Street-Art-Künstlers Banksy hängt nun im Universitätsklinikums Southampton in England – der Künstler widmete das Werk den Arbeitern im britischen Gesundheitswesen.