Titelbild: Koh Phi Phi Don (Foto B. Linnhoff)

1999-2004: Khao Lak – Khao Sok -Koh Phi Phi

Zweite Hütte von rechts – mein Quartier auf dem Chew-Lan-See (Foto B. Linnhoff)

„Du musst dich für alles interessieren. Jeder Tag muss ein Abenteuer für dich sein. Esse kein Fett, trainiere deinen Körper jeden Tag. Sei ausgeglichen. Sei immer offen für alles – für alle neuen Dinge. Respektiere die Menschen.“

Clint Eastwood auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei

Jeder Flug ein Freudensprung

Es waren die Jahre der absoluten Euphorie. In denen ich mir schon auf jedem Rückflug nach Deutschland den nächsten Thailand-Trip ausmalte. Und wenn es dann wieder so weit war, hätte ich die zehn, elf Stunden im Stehen fliegen können, es hätte mir nichts ausgemacht. Jeder Flug ein Freudensprung.

Über Bangkok ging es nach Phuket. Von dort noch einmal anderthalb Stunden Fahrt (90 Kilometer) mit dem Taxi zum Bang Niang Beach, einem der vielen Strände in der Provinz Khao Lak. Auch die Unterkunft stand fest: Pascha Resort.

Pascha Resort (Foto B. Linnhoff)

Dort führte Jeans die Geschäfte, das war ihr Spitzname, „And what`s your name?“, fragte sie mich. „T-Shirt.“ „Maybe it´s a match“, sagte sie.

Jeans war alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter und von heiterem Wesen. Auch bei Hitze trug sie den Kragen ungewöhnlich hoch. Eines Tages schlug der Kragen um – ich schaute auf eine handtellergroße Narbe. „Mein Mann ist krankhaft eifersüchtig“, sagte sie, „er hat mit einem Topf kochenden Wassers nach mir geworfen. Wir sind nicht mehr zusammen. Aber die Angst bleibt, vor allem um meine Tochter.“

Franz, Österreicher, Mitte 70, genoss im Pascha ständiges Wohnrecht und plauderte gerne aus seinem bunten Leben. „Anfang der Fünfzigerjahre tourte ich als Impresario mit einer Truppe von Hochseilartisten um die Welt und traf berühmte Leute. In Buenos Aires zum Beispiel Eva „Evita“ Peròn, eine außergewöhnliche Frau.“ Zum Beweis legte er mir ein Foto vor, auf dem Argentiniens Grande Dame dem jungen Franz die Hand schüttelt.

Im Hotel kümmerte sich Franz vor allem um die 18-, 19-jährigen Kräfte des Personals, weil: „Die fahren abends zuammen auf der Ladefläche eines Pick-ups nach Hause, feiern Party und vergessen ihren Job komplett. Am nächsten Morgen kommen sie zurück, und dann kann ich sie neu anlernen.“

Eine Bungalow-Hälfte (rechts) im Pascha (Foto B. Linnhoff)

Mir war vor allem nach Erholung am Bang Niang Beach. Schlafen, frühstücken, lesen, Kaffee am Nachmittag, danach ein wenig lesen und abends im Strandrestaurant zwischen frisch gefangenen Fischen und Krebse wählen. Danach lesen. Ein göttlicher Rythmus. Nach vier, fünf Tagen kam mit der Kraft auch die Energie zurück – sie orientierte sich wie von selbst in Richtung Strandbars.

Nachmittags also trank ich einen Capuccino, ganz allein und entspannt. Nach maximal dreißig Sekunden saß eine der Kellnerinnen oder einer ihrer jungen Kollegen neben mir: „Khun Ben, bist du traurig?“ „Überhaupt nicht. Warum?“ „Du sitzt hier ganz alleine. Ist doch nicht schlimm, wenn du keine Freunde hast. Können wir dir helfen?“ Es ist Asiaten auch heute noch schwer zu vermitteln, dass es neben dem allumfassenden Wir noch ein durchaus vergnügtes Ich gibt.

Am Nachmittag (Foto: Wolfgang Linnhoff)

Ausflug in den Nationalpark Khao Sok

Nok (Foto B. Linnhoff)

Über ihr Reisebüro lernten wir Nok kennen, eine geschäftstüchtige und bei allen beliebte Unternehmerin. Wir wurden erst Kunden, dann Freunde und besuchten gemeinsam manches Fest – so auch in den Loi-Krathong-Tagen in der Provinzhauptstadt Takua Pa.

Fotos: B. Linnhoff

Beim Ausflug in den Khao-Sok-Nationalpark, einen der schönsten der vielen Nationalparks Thailands, übernachteten wir in der Holzklasse. Das Baumhaus war fünf Meter hoch, und wieder einmal merkten wir, wie sehr wir Städter uns von der Natur entfernt haben. Im Bad störten wir die Ameisenkolonie nur unwesentlich, und wenn um drei Uhr morgens ein harmloser Falter gegen die lose Holzlade des Fensters flog, fürchteten wir, ein Blitz hätte eingeschlagen. Wir schliefen unruhig.

Bambushütten auf dem See

Ein solches Arrangement hatte ich bis dahin noch nie gesehen.

Auf der Fahrt zum Ratchaprapa-Staudamm hatten wir zunächst neue Freunde gewonnen, mit ihnen waren wir im Longtailboot durch hoch aufragende Karsthügel zum Chew-Lan-See und den Bambushütten gebrettert.

Durch die vordere Luke unserer etwa 1,20 Meter hohen Hütte krochen wir hinein und durch die zweite Luke raus zum Schwimmen im See – dazwischen lag die Matratze für die Nachtruhe.

Foto B. Linnhoff

Starker Regen verhinderte zunächst das Bad im See. Alle Gäste trafen sich im Haupthaus, willkommene Chance für einen mobilen Händler und seinen lokalen Schmuck.

Foto B. Linnhoff

Die gesamte Konstruktion wirkte auf den ersten Blick improvisiert, erwies sich dann jedoch als recht tragfähig und zugleich als guter Test für den Gleichgewichtssinn.

Zur größten Herausforderung wurde das Erreichen der Toiletten. Sie lagen etwa 100 Meter entfernt am Waldesrand, boten außer nacktem Stein nur Skorpione und verwandtes Getier. Immerhin wurden die keineswegs gekachelten Räume aufmerksam bewacht von Langschwanz-Makaken.

Beim abendlichen Umtrunk in der Haupthütte ignorierten wir die späteren Folgen reichlicher Flüssigkeitsaufnahme. Am nächsten Morgen erwähnte niemand, wie er oder sie den Druck der Nacht bewältigt hatte.

Dieser Weg wird kein leichter sein: Die Toiletten am Waldesrand (Foto B. Linnhoff)

Life is better at the beach

Nach der Hüttenerfahrung sehnten wir uns nach einem einfachen Sandstrand. Wir packten unser Bündel in Khao Lak, fuhren zum Pier nach Phuket oder Krabi und setzten mit der Fähre über nach Koh Phi Phi.

Foto B. Linnhoff

Warum sitzen wir so gerne am Meer, die Wellen vor und eine untergehende oder aufsteigende Sonne über uns? Sand zwischen den Zehen, den eine sanft ausrollende Welle nur halbherzig wegspült. Was macht das Meer zum Sehnsuchtsort?

Für solche Fragen gibt es die PsychologInnen. Julia Scharnhorst heißt sie in diesem Fall, und sie meint:

„Schauen wir vom Strand oder einer Klippe auf das Meer, können wir bis zum Horizont sehen. Unser Blick wird nicht zugebaut und gibt uns das Gefühl von Unendlichkeit. Wellenrauschen wirkt wie Meditationsmusik auf uns und ist der absolute Kontrast zu den Geräuschen in einer Großstadt. Die Frequenz entspricht einem ruhigen Atem-Rhythmus der Menschen, ist also eine Art Natur-Rhythmus. Sorgen, die wir mit uns herumtragen, werden am Meer plötzlich ganz klein.“

Welche Sorgen?

Die zweite Woche: Auf nach Koh Phi Phi

Foto Wolfgang Linnhoff

Auf der Fähre blieb ich an Deck, einer von hundert Backpackern, eins mit mir und der Welt. Freiheit.

Nach etwa anderthalbstündiger Fahrt bogen wir ein in die schönste runde Ecke der Welt: die Bucht von Koh Phi Phi Don.

Die Bucht von Koh Phi Phi (Foto B. Linnhoff)

Fotos B. Linnhoff

Ankunft am Tonsai Pier

Fotos B. und W. Linnhoff

Spärlich besiedelt

Wie die Draufsicht des Postkartenmotivs von Phil Thompson zeigt, war Phi Phi Don um die Jahrtausendwende noch spärlich besiedelt. Es gab nur wenige Hotels, ein kleines Dorf und einige wenige ausgewiesene Partyspots.

Wir wohnten in den Holzbungalows, die zum Maya-Hotel gehörten und nur wenige Meter vom Swimmingpool und vor allem von der rückwärtigen Sichelbucht entfernt waren.

Maya-Hotel und Dorfleben

Ausflug zum Maya Beach

Am Start (Foto B. Linnhoff)

Als wir 2000 mit dem Longtailboot zur Insel Koh Phi Phi Leh tuckerten, war der Maya Beach weder Geheimtipp noch weltbekannt. Die Dreharbeiten zum Film „The Beach“ mit Leonardo di Caprio lagen gerade ein Jahr zurück. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis der Strand selbst zum Star wurde.

Zu unserer Zeit durften wir den Strand nicht betreten, erlaubt aber war das Schnorcheln im glasklaren Wasser der Bucht. Nur wenige Boote verloren sich dort – wir waren privilegiert, ohne es zu wissen.

Um 2018 herum wanderten 6000 Film- und Instagram-Enthusiasten über den Maya Beach – täglich. Die Natur an Land und zu Wasser stand vor dem Kollaps. Zunächst sperrten Thailands Naturschutz-Behörden die Bucht für die Nebensaison und nach Beginn der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit.

Es dauerte nur wenige Wochen, bis die ersten Gruppen von Schwarzspitzen-Riffhaien ihr Revier zurückeroberten. Die Korallen allerdings werden zur Erholung länger brauchen.

Der 26. Dezember 2004

Foto: W. Linnhoff

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 löste ein unterseeisches Erdbeben im Indischen Ozean einen Tsunami aus. Die Riesenwelle forderte in Südostasien 230 000 Todesopfer. Darunter meine Freunde Jeans und Franz vom Pascha in Khao Lak. Ich versuchte, Nok telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg.