Keine Antwort – das Handy war tot

Anek Nurak, „Nok“ (Vogel) gerufen, hätte Modell stehen können für das Markenzeichen Thai Smile. Sie war smart, von natürlichem Charme, außergewöhnlich hübsch und 28 Jahre jung, als wir uns zu Beginn des Jahrtausends erstmals trafen. Im Pascha Resort am Bang Niang Beach in Khao Lak, wo ich mich damals alljährlich von den realen oder gefühlten Strapazen meines Berufs erholte.

Nok führte eine eigene Reiseagentur. Nach ihrem Studium in Bangkok und Chiang Mai setzte sie auf den Tourismus im Süden Thailands. Ihr kleines Unternehmen florierte recht flott, was niemanden verwunderte.

Nok – immer im Dienst (Foto B. Linnhoff)

Denn unter professionell verstand die junge Unternehmerin in erster Linie, für ihre Kunden von morgens bis zum späten Abend parat zu stehen. Nebenbei gehörte ihr noch ein kleiner, von ihrer Mutter geführter Supermarkt an der Straße von Khao Lak nach Takua Pa.

Nok und ihr Pick-up (Foto B. Linnhoff)

Mit der Zeit wurden wir Freunde. 2002 bezog ich, diesmal zusammen mit meinem Bruder Wolfgang, erneut im Pascha Resort Quartier. Wir buchten bei Nok einen Ausflug in die überwältigende Natur des Khao Sok-Nationalparks. In den Tagen danach trafen wir uns auch privat, zum Barbecue mit ihren Freunden am Strand oder zum Abendessen im Strandrestaurant unseres Hotels.

Singlefrau Nok beherzigte die einst allgemeingültigen Anstandsregeln Siams. Als Alleinstehende kam sie nur in Begleitung zu unseren Treffen. Mit ihrer Freundin, manchmal auch mit ihrem Bruder Jakkree.

Foto links: Nationalpark Khao Sok (Foto Britta Linnhoff)

2003 und 2004 reiste ich wie gewohnt nach Khao Lak; Weihnachten aber feierte ich traditionell bei meiner Familie im westfälischen Hamm. Am zweiten Feiertag 2004 beendeten die Bilder der TV-Nachrichten schlagartig unsere familiären Gespräche.

Die Monsterwellen eines Phänomens namens Tsunami trafen mein geliebtes Khao Lak und auch Koh Phi Phi an der Andamanenküste mit der vollen Wucht. Im selben Moment wusste ich, was die Katastrophe für „mein“ Pascha Resort bedeuten musste und was sie für Nok und andere bedeuten konnte.

Ich setzte mich sofort ins Auto und fuhr zu meiner Wohnung in Meerbusch.

Dort saß ich die nächsten Tage nahezu bewegungslos vor dem Fernseher und verlor mich in der Berichterstattung der Nachrichtensender. Ab und an durchforstete ich die im Internet kursierenden Vermisstenlisten. Für Tausende Angehörige und Freunde waren das Dokumente einer verzweifelten Hoffnung, von der binnen Stunden oder Tagen oft nur die Verzweiflung blieb.

Einmal pro Stunde versuchte ich, Nok unter ihrer Handynummer zu erreichen. Doch das Handy war stumm, tot, und mit jedem Tag wuchs die Furcht, dass auch sie zu den schließlich knapp 6000 Opfern in ihrer thailändischen Heimat zählen würde.

An Silvester 2004 drohte eine traurige Jahreswende; ohne Pause fixierte ich den Bildschirm, mal TV, mal PC, und zu jeder vollen Stunde wählte ich Noks Handynummer.

Silvester 2004: Hier spricht Nok

Foto B. Linnhoff

Das Leben danach

Als ich wieder einmal zur vollen Stunde ihre Nummer wählte, hörte ich am anderen Ende eine weibliche Stimme. Ein wenig schleppend, wie in Trance. Nok lebte, war unversehrt. Ihr Büro stand noch, der Minimart an der Straße nach Takua Pa auch, und ihrer Mutter ging es gut.

Meine Anspannung der letzten Tage löste sich in Erschöpfung auf. Dann sagte Nok: „Erinnerst du dich an Jakkree, meinen Bruder?“ Natürlich erinnerte ich mich. „Er ist tot.“ Noks Stimme verriet weder Trauer noch Zorn. Thais zeigen nur ungern ihre Gefühle. Und wer an Wiedergeburt glaubt, geht mit dem Tod anders um.

Auch in den Tagen nach unserem Gespräch suchte ich in den Vermisstenlisten nach Freunden, Bekannten. Telefonierte mit Überlebenden. Die Bilanz: Nicht nur Jakkree war tot. Auch „Jeans“, so ihr Spitzname, die langjährige Managerin des Pascha Resorts, hatte ihren Dienst am frühen Morgen des 26. Dezember begonnen.

Richard Döring, aus eigenem Erleben ausgewiesener Kenner der Provinz Khao Lak, hat dankenswerterweise eine Liste der Überlebenden erstellt.

Noch heute steht das Patrouillenboot 813 der Königlichen Thailändischen Marine dort, wo es nicht hingehört: Gut zwei Kilometer vom Bang Niang Beach entfernt, an Land geschmettert von der Welle. Als die Wellen kamen, ankerte das Boot vor dem La Flora Resort. Auch diese Anlage wurde wieder aufgebaut, schöner und komfortabler denn je. Eine Betonwand schützt heute die unmittelbar dem Meer zugewandten Bungalows – die Mauer ist weniger Schutz als vielmehr Eingeständnis menschlicher Ohnmacht im Angesicht natürlicher Gewalt.

Mail vom 8. Januar 2005: Mir ist langweilig

hi ……     bernd how  are you now  I am very boring   can not work  no  job  how I  found some job?

Diese Mail schrieb mir Nok am 8. Januar 2005. Sie lebte, aber ihr Business war tot. Es dauerte ein knappes Jahr, bis sich die ersten Touristen wieder nach Khao Lak trauten. Thais und Ausländer hatten aus den Ruinen mit verzweifelter Zuversicht neue Hotels, Restaurants, Kneipen gebaut und gezimmert, ungeachtet der Prophezeiungen der Geologen, die weitere Seebeben und Tsunamis für wahrscheinlich hielten.

Bang Niang Beach (Foto B. Linnhoff)

Seither liegen die Strände Khao Laks den Besuchern wieder goldfarben zu Füßen. Nur die Reihen der einst dicht an dicht stehenden Palmen, Kasuarinen und Tamarinden-Bäume haben sich gelichtet.

Wenn es in den Jahren nach dem Tsunami Freunde oder Verwandte nach Khao Lak zog, blieb Nok meine erste Ansprechpartnerin. Sie betreute meinen Bruder Walter und seine Tochter Britta; später auch Lisa und Anika, Freundinnen aus Hamm.

Mit Bruder und Nichte kehrte ich 2009 erstmals wieder an den Bang Niang Beach zurück. Wir wohnten direkt am Strand, was meiner Nachtruhe nicht gut bekam. Immer wieder schreckte ich hoch aus dem Traum, dass hereinschießendes Wasser mein Zimmer flutete, bis an die Decke stieg und mir keine Möglichkeit mehr ließ zu fliehen.

Zuletzt gesehen habe ich Nok im Mai 2010. Bangkok versank im Chaos der Straßenschlachten im Finanz- und Geschäftsviertel. Zusammen mit Freund Disco entfloh ich der unberechenbaren Lage nach Khao Lak.

Foto B. Linnhoff

Dort, wo einst das Pascha stand, residiert nun das Sudala Beach Resort. Mit 78 Zimmern deutlich größer als der Vorgänger. Luxuriöser, teurer, wunderschön und einen Steinwurf weit entfernt vom Meer. Als wir dort ankamen, waren gerade mal zwei der Zimmer belegt. Denn Schlagzeilen wie „Krieg in Thailand“ in den europäischen Medien verrieten nicht, dass sich die Auseinandersetzungen auf Bangkok beschränkten – so blieben auch Hotels und Strände in Khao Lak unverschuldet verwaist. Eine neue Delle auch für Noks Geschäft.

So blieb zumindest Zeit für einen fröhlichen Abend, mit Nok, ihren Freundinnen und ihren Schwestern – eine hatte gerade ihr erstes Kind geboren. Wenig später kehrten wir nach Bangkok zurück.

Am zweiten Weihnachtstag 2014 ging Nok mit ihrer Familie zum Tempel. Zum Gedenken an ihren verstorbenen Bruder Jakkree und zum Dank dafür, dass der Tsunami ihr das Leben ließ und die Existenz. Und so hält sie es bis heute, knapp 16 Jahre nach einem Ereignis, das die ganze Welt erschütterte.

Nok (Foto B. Linnhoff)

Fotos: Bernd, Britta und Walter Linnhoff; Khun Disco

Erinnerungen an das wunderbare Khao Lak vor dem Tsunami