Und dann ging alles ganz schnell

Das Leben ist zu kostbar, um es dem Schicksal zu überlassen.

Käpt’n Blaubär

Am 27. September 2008 schloss ich meine Wohnung in Meerbusch-Büderich ab, zum letzten Mal nach 22 Jahren am Stadtrand von Düsseldorf. Einen solchen Moment kannst du nicht simulieren, das reale und finale „Es gibt kein Zurück“. Dennoch fühlte ich eher Vorfreude als Beklemmung.

Thailand: Here I come

Der Blick auf die Skyline

Neun Monate zuvor, am Silvesterabend 2007, schaute ich vom 20. Stock des JC Tower auf Bangkoks Skyline. Ich war seit zwei Tagen in der Stadt, nun verabschiedeten wir das alte Jahr auf dem Balkon meines Freundes Hartwig.

Seit der Gründung eines Online-Newsletters für die deutsche Fußballbranche hatte sich mein eh schon karges Sozialleben ins Asoziale verabschiedet; Biorhythmus und Stoffwechsel lagen Hand in Hand erschöpft in der Ecke. Für den dringend notwendigen Urlaub hatte ich – zusammen mit meinem Freund und Kollegen Oliver – zwei Wochen Thailand gebucht. Vier Tage Hauptstadt und danach Runderneuerung auf den Inseln im Süden.

Silvester also schaute ich vom Balkon auf Bangkok. Ich sah die Lichter, ich ahnte Abenteuer. Plötzlich war ich neugierig. „Was zahlst du für deine 100 Quadratmeter an Miete?“, fragte ich meinen Gastgeber. „Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten in diesem Land? Du lebst hier seit zwanzig Jahren – was gefällt dir, was nicht?

Die Antworten gefielen mir. Dann fragte ich mich selbst: Was wäre, wenn? Ich war 59 Jahre alt und ohne Anhang – die beste Basis für spontane Entscheidungen. Was würde mich erwarten, zöge ich in diesen Moloch? Neue Menschen, neue Kontakte, neue Kultur, exotische Reiseziele vor der Haustür, kurz: ein neues Leben und zehntausend Kilometer Distanz zum alten. Mit diesen Gedanken und in diesem Moment wandete ich aus. Mental schon mal.

Jahreswechsel im Taxi

Foto: Novotel Bangkok

Eine Stunde vor Mitternacht beschlossen wir Urlauber, den Jahreswechsel in der Diskothek CM2 im Novotel am Siam Square zu feiern. Mitten im Zentrum, super Idee. Die Alteingesessenen blieben auf dem Balkon und lächelten nachsichtig. Wir hingegen genossen wenig später das Privileg, beim Countdown und zu Jahresbeginn im Taxi zu sitzen und im Stau zu stehen.

Erst gegen ein Uhr erreichten wir den Club. Drei Stunden später lotste mich ein Taxi, pilotiert von einer sympathischen Fahrerin, zu meinem Amari-Hotel in der Petchaburi Road. „Was hast du noch vor“, fragte ich meine Chauffeuse. „Nichts“, sagte sie, „auf mich wartet niemand. Und du?“ „Auf mich wartet auch keiner.“

Das neue Jahr fing gut an.

Mit der Bahn gen Süden

Am 2. Januar stiegen Thailand-Novize Oliver und ich an Bangkoks Bahnhof Hua Lamphong in den Zug gen Süden. Über Hua Hin fuhren wir nach Chumphon, von dort setzten wir mit der Fähre über zu den Inseln im Golf von Thailand. Nun absolvierte ich meinen allerersten Thailand-Trip von 1994 in umgekehrter Reihenfolge: Koh Tao, Koh Phangan, Koh Samui.

Eigentlich wollte ich die Zeit und die Ruhe nutzen, meinen intuitiven Auswanderungsentschluss mit dem Verstand abzugleichen. Für einen solchen Schritt brauchen die meisten Menschen Monate. Doch ich war mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zudem hatte mein Verstand an den südlichen Stränden das Schild „Bitte nicht stören“ rausgehängt.

Koh Tao 1998 (Fotos: B. Linnhoff)

Als wir nach Bangkok zurückkehrten, bat ich Hartwig, mir eine Wohnung zu besorgen.

Mein Turm in Thonglor

Dass ich als Frischling mit Hartwig Schüler und den German All Stars ein vielfältig aktives und tragfähiges Netzwerk vorfinden würde, zeigte sich schnell. Im JC Tower, wo er selbst wohnte, fand Hartwig ein Apartment für mich: 110 qm, drei Zimmer, zwei Bäder, großer Balkon. Wir würden Nachbarn sein, ein Vorteil bei allen möglichen Problemen, die oft mit dem Start in der Fremde verbunden sind.

Mein neues Domizil lag im 19. Stock, den Blick auf die Skyline sollte ich vier Jahre lang genießen. Mit der Apartment-Nummer 1904 musste ich mich allerdings erst noch anfreunden. In jungen Jahren engagierter Fan von Borussia Dortmund, starrte ich nun jeden Tag auf das Gründungsdatum des FC Schalke 04. In meinen Jahren als Sportjournalist hatte ich jedoch entspannte Kontakte zu Schwarz-Gelb wie Königsblau genossen, zu Spielern, Trainern und Managern.

Im Juli 2008 flog ich erneut in Thailands Hauptstadt und unterschrieb den Mietvertrag. Claudio Conversi hieß mein Vermieter, Italiener und seit zwanzig Jahren Betreiber der beliebten Pizzeria „Bella Napoli“ in der Sukhumvit Road Soi 31. Womit mein erster gastronomischer Anlaufpunkt bereits fest stand. Auch Claudio wohnte im JC Tower. In seinem ersten Leben hatte er als Impresario in seiner Heimat Rockkonzerte veranstaltet, u. a. mit Bruce Springsteen, und die italienische Lizenz für das Musikmagazin „Rolling Stone“ besessen.

Anlässlich meines Bangkok-Kurzbesuchs blieb noch Zeit für einen Wasserski-Nachmittag vor den Toren Bangkoks. Dabei lernte ich einige aktuelle Mitglieder der German All Stars kennen. Noch fremdelte ich.

Fotos: Timo Stiegler

Die Hausaufgaben

Zurück in Deutschland, erledigte ich die Hausaufgaben: Abmeldung beim Einwohnermeldeamt, Kündigung der Versicherungen und des Mietvertrages für die Wohnung, Beschaffung des passenden Visums und Verkauf des sportlichen Autos, in das ich die letzten acht Jahre lang hineingeschlüpft war wie in maßgeschneiderte Slipper. In der Stau-Metropole Bangkok würde ich dank Skytrain, Tuk-Tuk und Motorradtaxi kein Auto mehr benötigen.

Foto: Andi Tremmel

Ein Teil meines Lebens blieb zurück

Gutes Zureden war gefragt bei der Beruhigung der Eltern, beide Mitte 80, man bleibt ja immer auch Sohn. Beim Gedanken an Thailand hatten sie noch die Bilder vom Militärcoup von 2006 vor Augen, als Panzer durch Bangkoks Straßen rollten. Weder meine Eltern noch ich wussten, dass ein Putsch in Thailand fast schon zur Folklore gehört – was rollende Tanks in den Straßen nicht sympathischer macht.

Als ich ging, da ging nur ein Teil von mir: Etwa 1000 Bücher ließ ich zurück, hunderte Langspielplatten, den Plattenspieler und viele CDs. Bücher und Alben hatten meine Sicht der Welt beeinflusst und mein Leben bereichert, daher blieb auch ein signifikanter Teil meines Lebens zurück. Wichtig waren mir allein meine Fotos, damals noch ausnahmslos auf Papier – Erinnerungen und bei Verlust unersetzlich.

So reisten nur ein paar Kisten mit der Spedition Schenker nach Thailand, auf dem Wasserweg. Sechs Wochen nach mir erreichten sie ihr Ziel. Von einer mexikanischen Sitzgruppe plus Tisch abgesehen, die sich in den Tropen zuhause fühlen würden, hatte ich alle Möbel in Deutschland gelassen. In Thailand werden die meisten Immobilien mit kompletter Einrichtung vermietet: Fernseher, Sofa, Tische, Betten, Kühlschrank, Küche mit Geschirr und Besteck, alles da. Mal modern oder – wie in meinem Appartment – solide und funktional. Ein paar Fotos, einige über Jahrzehnte erworbene Gemälde an den Wänden und einige wenige Bücher sorgten für die persönliche Note.

Loslassen. Von Marie Kondo, der japanischen Expertin fürs Aufräumen und Wegwerfen, hatte ich 2008 noch nicht gehört. Ein Minimalist bin ich immer noch nicht. Doch nun reise ich mit deutlich leichterem Gepäck durch mein Leben.

Ende September 2008 landete ich auf den Bangkoker Flughafen Suvarnabhumi. Abgeflogen als Auswanderer, angekommen als Einwanderer. Am selben Tag zog auch Uwe „Disco“ Wojatzek nach Bangkok, Projektmanager der Lufthansa für Asien. Ihn hatte ich an jenem entscheidenden Silvesterabend 2007 kennengelernt, mittlerweile waren wir Freunde geworden.