“We are our own dragons as well as our own heroes, and we have to rescue ourselves from ourselves.”

Tom Robbins, Still life with Woody Woodpecker

„Wieviele Leben hat dich dein Verstand gekostet?“

Unbekannt

Ein Bong bei Mister Long

Blick auf Koh Ma

Die letzten Tage auf Phangan. Von unserem Bungalow am Mae Haad Beach blicken wir bei Ebbe über eine Sandbank hinweg zur Insel Koh Ma.

Dort wohnt Mister Long und niemand sonst. Als erster hat er auf dem Eiland eine Palme gefällt oder eine Hütte gebaut, eins von beiden jedenfalls, und nach einem alten thailändischen Gesetz gehört ihm nun die Insel. So geht die Sage, und wie immer gilt das Gebot: Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Am Nachmittag wandern wir hinüber – eine Vierergruppe, die sich erst vor wenigen Tagen kennengelernt hat: Ein Sportler aus Südtirol, der Doping als notwendige Erfahrung gespeichert hat; eine junge Mutter aus der Schweiz mit ihrer kleinen Tochter; ein 23-jähriger Österreicher, der bei einem Autounfall unter Drogeneinfluss fast einen Arm verloren hat und ich, der 46-jährige Deutsche, neugierig auf den nächsten Laborversuch open air.

Foto B. Linnhoff

Mister Long genießt unter Kennern einen herausragenden Ruf als Zubereiter des Bongs. Ein Bong ist eine Wasserpfeife, die ohne Schlauch geraucht wird. Wer es genauer wissen will, der begebe sich unverzüglich zu einem längeren Stück auf Wikipedia. Die Fertigung eines Bongs erfordert handwerkliches Geschick und intime Kenntnisse des Inhalts (Foto: Kreki/Wikimedia).

Meist wird die Konstruktion aus Kokusnuss und Bambus mit Cannabis oder Cannabis-Tabak-Mischungen gefüllt. Die Fachleute um mich herum aber behaupten, da sei noch Luft nach oben. Daher würden wir Heroin aus der Wasserpfeife rauchen und es würde umwerfend sein.

Zunächst fährt uns Mister Long mit seinem Boot zu einem Shop auf Phangan, um noch ein paar Lebensmittel einzukaufen. Der Mister soll 62 Jahre alt sein, sieht aber aus wie 38. Entweder hängt er selbst nicht am Bong oder die Pfeife ist gut für die Haut.

Mister Long in Fahrt (Foto B. Linnhoff)

Es wird dunkel, endlich sitzen wir in der Bambushütte des Inseleigners. Jeder darf oder muss an der kleineren Öffnung des Bongs ziehen. Ich bin Raucher, auf Lunge, ich weiß, wie man zieht. Doch scheinbar benötige ich das Lungenvolumen eines Olympiaruderers. „Tiefer Luft holen!“ höre ich. Ich will nicht prahlen, aber nach einer Minute stehen mir die Augen vom Ziehen so weit vor dem Kopf, dass man sie mit dem Kantholz abschlagen könnte.

Mehr als eine wohlige Wärme, die meinen ganzen Körper flutet, will sich nicht einstellen. Obwohl ich gerne die zauberhafte Wirkung kennengelernt hätte, die meine Begleiter offenbar erfüllt. Allerdings werden mich die glasigen Blicke der Entrückten noch lange in meinen Träumen verfolgen.

Foto B. Linnhoff

Der Bong, an dem ich auf Einladung ziehen durfte, war möglicherweise nicht billig. Als die Wirkung bei meinen Mitstreitern nachlässt, machen sie mir unverblümt Vorwürfe: „Du willst nichts spüren! Dein Unterbewusstsein wehrt sich, weil du die Kontrolle nicht verlieren willst!“

Da ist was dran, dachte ich. Von selbst wäre ich nicht darauf gekommen. Warum hatte mir die Ecstasy-Erfahrung gefallen? Weil ich bei klarem Verstand blieb, als ich in Minuten zu einer unterhaltsameren Version meiner selbst wurde. Nachdem ich bis dahin als Feierbiest ähnlich gut besetzt gewesen war wie Helge Schneider als Dirty Harry.

Trotz meiner engagierten Tanzeinlagen im Dschungel und im Sand wollte ich nicht weiter experimentieren. Meine Neugier war befriedigt und mein Leben intensiv genug, in guten wie in mageren Zeiten. Sollte ich tatsächlich mal den Wunsch verspüren, gelassener, kreativer, cooler, ehrgeiziger, leistungsfähiger oder was auch immer zu werden, dann auf Basis meiner Werkseinstellungen. Plus Zigaretten und Schokolade. Bis dahin würde ich hin und wieder tanzen, dann eben wieder mit beiden Füßen in Beton.

Auf nach Koh Tao

Foto B. Linnhoff

Die Abschiedsparty auf Koh Phangan hatte unter dem Motto „Drehschwindel für alle“ gestanden, so wurden mir die drei Stunden Überfahrt mit der Fähre dann doch lang. Trotz ruhigen Wellengangs kämpfte ich bis zum Schluss gegen rückwärtsgewandte Essensreste. Erst recht, als die kleine Alexandra neben mir ihren eigenen Kampf aufgab und Meeresgott Poseidon opferte. Direkt aufs Deck.

Paradies auf Abruf

Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ Goethe, Faust 1. Passt perfekt auf unsere Tage am Sairee Beach auf der Insel Koh Tao, anno 1994.

Sairee Beach (Foto B. Linnhoff)

Wir waren im Paradies gelandet. Mit dem Wort gehe ich vorsichtig um. Höchst selten trifft es zu und nie lange. Auch auf Koh Tao konnten wir bereits in die Zukunft schauen: Dank der regen Bautätigkeit rechts und links von unseren Hütten würde die Insel den Weg aller Urlaubsparadiese gehen: Zu schön, um ein Geheimtipp zu bleiben.

Heiligabend unter Palmen

Vom Blick zwischen den Palmen hindurch aufs Meer, vom Liegen im Sand und von den fruchtigen Cocktails an der Bar bekam ich nie genug. Das Bemühen unserer thailändischen Gastgeber, zum Heiligen Abend zumindest einen Tannenbaum in den Sand zu drücken, rührte uns fast zu Tränen. Auch wenn der Baum einen ziemlich mitgenommenen Eindruck machte.

Foto B. Linnhoff

Als Bonus gab es gar kleine Geschenke der Gastgeber, einen klaren Sternenhimmel und ein Strandfeuerwerk obendrauf. Wir alle beobachteten aufmerksam, wie ein Einheimischer zwei Feuerwerkskörper mit einem Propeller kombinierte und so einen Tiefflieger entwarf. Und schon lagen wir alle flach im Sand, wie bei einem Luftangriff, ehe der Drohnenvorläufer entkräftet ins nahe Meer fiel. Dann vertrieben wir den Baumeister unter Absingen traditioneller Weihnachtslieder.

Was wird bleiben von vier Wochen Thailand?

Noch zwei Tage bis zur Rückkehr nach Koh Samui, per Speedboot statt Fähre. Einen Tag später sollte der Flug nach Bangkok folgen, zurück in die Zivilisation. Noch aber lag ich am Sairee Beach und hatte die Muße für ein Fazit.

Das Speedboot (rechts): 30 Mark für die schnelle Nummer (Foto B. Linnhoff)

Vier Wochen im Golf von Thailand, vier Wochen Zeit im Überfluss. Fast ein Monat, um den Blick zu schärfen für das, was mir wirklich wichtig war. Eine Entscheidung war, künftig dauerhaft allein zu leben – es ist bis heute die mir gemäße Lebensform. Weil ich gerne allein bin, viel Zeit für mich benötige und viel Ruhe um mich herum. Vielleicht nicht ganz so viel wie Franz Kafka, der in sein Tagebuch schrieb: „So viel Ruhe wie ich brauche, gibt es nicht oberhalb des Erdbodens.“

Beim Abschied wusste ich bereits definitiv, dass mir Luxus nichts bedeutet. Sollte es die Situation erfordern, konnte ich mit sehr wenig auskommen, und das nicht nur am Strand. Mit der Backpacker-Community hatte ich zwar nur den Rucksack gemein, aber diese Art zu reisen würde künftig auch meine sein. Und noch stärker als zuvor würden meine Einkünfte als Freier Journalist nur als Tauschmittel für Flüge und Unterkünfte dienen, für das Erkunden der Welt.

Mit der Lektüre des Buches „Die Mitte finden“ begann ich, an eine spirituelle Dimension des Lebens zu glauben. Auch wenn ich den Begriff Spiritualität bis heute nicht wirklich definieren kann. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit, und für mich ging es von Anfang an darum, auch im Kleinen das Große zu sehen, im Gewöhnlichen das Schöne und im Selbstverständlichen das Ungewöhnliche. Ganz konkret – auch wenn das alles so wenig greifbar klingt wie der Begriff Spiritualität selbst.

Wie lange dauert es, bis man die Gewissheit praktisch umsetzt, dass man nur dieses eine Leben hat und „nicht noch ein zweites im Kofferraum“ (Hildegard Knef)? Jeder Augenblick zählt, auch auf der ganz banalen Ebene. Wenn ich früher meine vier halben Brötchen frühstückte, las ich dabei die Tageszeitung und im Hintergrund plärrte das Radio. Mit dem Erfolg, dass ich anschließend weder wusste noch sagen konnte, wie Serranoschinken und Saint-Albray-Käse geschmeckt hatten. Seit Langem kommt eins nach dem anderen: Essen. Lesen. Radio. Das ist ein täglicher Zugewinn an Lebensqualität. Und wenn man nicht aufpasst, auch an Gewicht.

Zur Jahreswende 94/95, zum Zeitpunkt der guten Vorsätze war ich zurück in Meerbusch. Trotz bester Absicht fiel ich schnell zurück in den gewohnten Trott. Doch nach und nach setzte ich um, was ich für mich als wertvoll erkannt hatte.

Erst beim Betrachten der Fotos fiel mir auf, dass ich auf meinem Trip zwar vielen Thais begegnet war, aber keine(n) wirklich kennengelernt hatte. Das sollte sich in den folgenden Jahren ändern.

Lamai Beach auf Koh Samui

Ich konnte mir zwar damals schon vorstellen, einmal in Thailand zu leben. Doch erst einmal und noch einige Jahre bevorzugte ich den Kompromiss. Alljährlich flog ich einmal nach Thailand und sonst in den verlockenden Rest der Welt. Meist privat, manchmal beruflich.

Folgt: Thailand erleben (5): Nicht schön, aber Bangkok

Was wurde aus Angelo Petruccelli?

Nach unserem Trip im Dezember 1994 verloren wir uns aus den Augen. Ich traf den Mann, der mich mit Langzeitwirkung nach Thailand gelotst hatte, nur noch ein Mal: Am 27. September 2008, ausgerechnet – einen Tag vor meiner Auswanderung nach Thailand. Angelo saß vor der Füchschen Brauerei in Düsseldorf, und ich schaute zweimal hin, obwohl er sich nicht verändert hatte. In jenen Tagen spielte Angelo am Stadttheater Düsseldorf den Jan Wellem in der Oper Giocasta. Vielseitig ausgebildet war der Mann schon immer: Kfz-Mechaniker, Friseur, Hotelfachmann. Verheiratet war er mittlerweile, mit einer chinesischen Ärztin aus Peking, die in Düsseldorf arbeitete.

Angelo als Jan Wellem (Foto: Hofmusik)

Heute arbeitet Angelo nurmehr gelegentlich als Pantomime, im Brotberuf jedoch als Busfahrer am Düsseldorfer Flughafen. „Ich mache auch mit Sechzig meine 120 Liegestütze am Tag, bin immer noch topfit“, sagt er, als ich ihn im März dieses Jahres anrufe. Mit seiner Frau hat der gebürtige Italiener zwei Töchter, sie tragen italienische und chinesische Namen: Silvana/Pan Pan (12) und Angelina/Jing Jing (8). Die ältere hat bereits einige Goldmedaillen errungen, als Rhythmische Sportgymnastin. „Doch jetzt soll sie etwas lernen, was ihr auch im Leben nutzt.“ Zum Beispiel? „Kung Fu.“