Wie ich lernte, Techno zu lieben

Wir Menschen sind so überhaupt nicht aus einem Guss, wir sind voller Risse und Sprünge und leben auf verschiedenen inneren Plateaus, zu denen wir hinaufklettern und von denen wir herabstürzen.

Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte

Gut für die Ohren und die Beine

„Nimm eine einzige Ecstasy. Dann öffnen sich die Kanäle in deinen Ohren und du wirst Techno-Musik für immer mögen.“ Die Ansage versprach sofortige Belohnung, denn bis dato hatte ich Techno als unsortierten Lärm empfunden. „Some ecstasy and you will be ready to hit the dance floor!”, flüsterte mir mein Nachbar zu Rechten zu. Das wurde ja immer besser! Eine einzige Pille, und der Nichttänzer Bernd würde den Tanzboden aufmischen! Um vier Uhr morgens, im Dschungel oberhalb des Haad Rin Strandes, zur Musik des Briten Dave.

Was 1994 eine kleine Party für Eingeweihte war, ist heute fester Bestandteil der Events auf Koh Phangan.

Dschungelparty heute

Drogentechnisch Jungfrau

Demografisch gehöre ich zur Generation der 68er: Sex, Drugs and Rock’n‘ Roll. Wie das so ist mit Schubladen – meine Realität in Jugendjahren sah so aus: Rock’n‘ Roll im Überfluss, Sex überschaubar und Drogen gar nicht. Zu Anfang meines kurzen Studiums in Münster gingen wir abends gerne in die „Lila Eule“, wo wir von Kiffern umzingelt waren. Doch unsere Clique bestand wesentlich aus jungen Fußballern mit großen Plänen, Drogen gehörten nicht zur sportgerechten Ernährung. So war ich drogentechnisch noch immer Jungfrau, als ich auf Koh Phangan verführt werden sollte.

Nach einer Woche auf der Insel hatte ich bereits viele bunte Vögel angetroffen. Junge Leute auf der Flucht, vor der Polizei oder vor sich selbst, Süchtige, feierfreudige Backpacker und einen ehemaligen GI, der nach dem Vietnamkrieg hängengeblieben war und mit harter Hand eine Bar führte und die Frauen, die dort arbeiteten.

Ein großer grüner Kaktus

Zu Beginn der Nacht, in der ich zum Tänzer mutieren sollte, ging ich zum Warm up in meine Lieblingsbar Cactus. Sie soll früher Mango geheién haben, erzählte man mir. Doch eines Abends sei ein Besoffener nackt in einen großen Kaktus am Eingang gesprungen und und so begeistert gefeiert worden, dass die Bar fortan Cactus hieß und, wie jede Kneipe an diesem Strand, temporäre Heimat wurde für Verlorene aus aller Welt. Aus Sydney, aus Tel Aviv, aus Kapstadt.

Und aus Gelsenkirchen-Mitte. Rodrigo lernte ich am Tresen kennen. Eine typische Ruhrpottpflanze. Immer direkt, lakonisch der Humor, nie um einen kernigen Spruch verlegen. In Thongsala, dem Hauptort von Koh Phangan, führte er mit seiner Thai-Frau eine Bar. Wie er später korrigierte, führte sie.

Es gibt Dialoge, die ohne Alkohol – in unserem Fall Tiger Beer und Jägermeister – so nie stattgefunden hätten.

Ich: „Rodrigo ist ja im Pott ein sehr geläufiger Name.“

Rodrigo kniff die Augen zusammen: „Vorsicht, Junge. Ruck-zuck ist die Lippe dick. Also: Mutter Datteln, Vater Puerto Rico. Hab ihn nie kennengelernt. Muss ein Adliger gewesen sein. Meine Mutter nannte ihn immer Graf Auf und Davon.“

„Erinnert mich an Kuba. Die Einwohnerzahl von Havanna bleibt immer gleich – wenn ein Kind geboren wird, ist der Vater über alle Berge.“

„Genau. Und wo bist du wech?“

„Hamm.“

„Kenn ich. Hab da mal ne Perle gehabt. Aurelia, was für ne Schnitte! Die hatte so einen komischen Spitznamen, irgendwas mit Sport.“

Die Aurelia? Trampolin war der Spitzname. Weil ihr Verhältnis zu Männern ein wenig sprunghaft war.“

„Kanntest du die auch?“

„Flüchtig. Wie bist du eigentlich auf Koh Phangan gelandet?“

„Lange Geschichte. Mein Leben war immer auf und ab. Schon Anfang Zwanzig hab ich ein kleines Vermögen gemacht. Hab morgens meine Brieftauben verkauft und abends waren sie alle wieder bei mir im Schlag.“

Rodrigo räusperte sich kurz und begann zu singen. Das Taumvatterlied, wie es im Ruhrgebiet genannt wird. Ein Taubenvater würdigt die Brieftaube, das Rennpferd des kleinen Mannes:

Oh du schönen blauen Vogel,

kehrst von Görsbach nicht zurück,

hast so manchen Preis geflogen,

plötzlich traf dich das Geschick.

Dieses schrieb ein junger Förster,

der den Räuber schoss vom Baum,

in den Krallen eines Habichts

endete dein Lebenstraum.

Willi hat nun keinen Vogel

Und sein Schlag ist öd und leer,

alles Warten war vergebens,

es gibt keine Wiederkehr.

Willi lass Dirs nicht verdrießen,

zieh aus deinem alten Paar

wieder so `nen schönen Blauen,

der Erfolg kommt übers Jahr.

Drum ihr werten Sportskollegen,

haltet fest am Taubensport,

daß er möge ewig leben,

das sei unser Losungswort.

Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, legte Rodrigo nach. „Auch meine Vögel ham mir manchen Sieg geflogen. Aber mein Star – ich nannte ihn Abi, nach dem Flankengott der Schalker – wurde mit jedem Pokal arroganter. Ich erinnere mich noch wie heute: Ein Rennen ging vom Bodensee aus in den Pott. Auf Höhe Ludwigshafen fing es an zu regnen. Und weißte, was Abi gemacht hat?“

„Nein.“

„Der hat ein Taxi genommen!“

„Oh Gott!“

„Preisgeld wech und ne Taxirechnung obendrauf!“

„Und wie bist du dann in Thailand gelandet?“

„Erzähl ich dir ein andermal. Meine Frau wartet. Mach gut.“

Ich ging zu meinem Bungalow, notierte den Dialog in meinem Tagebuch, duschte und machte mich in gelöster Stimmung auf den Weg in den Dschungel, wo zwei Stunden später die Party mit DJ Dave steigen sollte. Er wollte uns mit Ambient-Techno auf die baldige Full Moon Party einstimmen.

Der Waldweg bei Tag (Foto: Travel now and never)

Und plötzlich wurde die Welt neon

Mit dem Rücken an eine Art Zaun gelehnt, saß ich am Rande der kleinen Tanzfläche auf dem Boden, nur wenige Meter vom DJ-Pult entfernt. Noch immer wusste ich nicht, ob ich mir eine Ecstasy-Tablette genehmigen sollte. Schon eine starke Tasse Kaffee konnte meinen Puls auf Werte beschleunigen, die andere erst nach 60 Metern Sprint erreichen.  

„Gib mir eine halbe“, sagte ich zu meinem Nachbarn. Langsam füllte sich die Dschungeldisco. Nach etwa zwanzig Minuten veränderten sich die Farben der T-Shirts und der Bäume. Die Welt wurde neon. Nach einer halben Stunde stand ich auf und begann zu tanzen. Für mich. Ich tanzte drei Stunden durch. Bis dem Morgen graute. Dass ich die ganze Zeit in meinem Kopf völlig klar blieb und auch deutlich sprach, überraschte mich. Genau deshalb war Ecstasy eine populäre Partydroge.

In meinen kurzen Tanzpausen trank ich reichlich Wasser, Ecstasy dehydriert, oder ein Minifläschchen Lipo. Lipovitan-D ist ein Aufputschmittel japanischen Ursprungs, mit dem Bus-, Tuktuk- und LKW-Fahrer auf ihren nächtlichen Touren die Müdigkeit bekämpfen. In Thailand gibt es diverse Energydrinks, alle ähnlich in ihrem Mix aus Wasser, Zucker, Koffein, Taurin, Vitaminen etc. Die bekannteste Marke ist Krating Daeng, „erfunden“ vom Thailänder Chaleo Yoovidhya und besser bekannt unter dem Namen Red Bull.

Heute im Angebot…

Gegen acht Uhr morgens wanderte ich bester Stimmung zurück zu meinem Bungalow. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Also watete ich hinaus ins Meer. Nur kurz allerdings, denn Hunderte winzige Feuerquallen schienen mit ihren Tentakeln meine überempfindliche Haut zu traktieren.

Unsere Spuren im Sand

Da ich das Ecstasy-Experiment gesund überstanden hatte, wollten mich die einschlägigen Experten zwei Tage später zum Versuchskaninchen ehrenhalber befördern. Wieder einmal saßen wir im Sand; wie selbstverständlich wanderten Zuckerwürfel von Hand zu Hand, Buddhas genannt und mit einer flüssigen Lösung präpariert: Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, in flüssiger Form. Derart veredelter Würfelzucker war schon im alten Hollywood eine beliebte Substanz. (All das las ich erst später, auch den Strafenkatalog für Drogendelikte in Thailand).

Endlich Vollmond

Dezember `94

Die Vollmondparty, heute unter Partygängern ein weltweit bekanntes Synonym für Koh Phangan, war schon im Dezember 1994 kein Geheimtipp mehr. In der Bucht von Haad Rin lagen einige mittelgroße Yachten vor Anker, und auf dem 1,2 Kilometer langen Strand tanzten etwa 1200 Menschen. Darunter ich. Erneut befeuert von einer Tablette, bewegte ich mich im Rahmen meiner motorischen Fähigkeiten zwölf Stunden lang zu Techno-Klängen im Sand. Ich muss ziemlich fit gewesen sein.

Es wird Momente gegeben haben, in denen ich einfach nur im Sand saß, Wasser trank und mit anderen Feierbiestern den Zusammenhang zwischen Tantra und Rechnungswesen diskutierte. Viel habe ich nicht behalten von dieser Nacht des vollen Mondes, und auch in meinem Tagebuch finde ich nur wenige Zeilen. Was ich aber definitiv weiß: Es dauerte immer nur wenige Minuten, bis mich die Musik wieder ultimativ zum Tanzen aufforderte. Die aufgehende Sonne schien auf die letzten TänzerInnen und einen völlig versifften Strand.

17. Dezember 1994. Man achte auf den Herrn ganz links am Bildrand, mit dem Rücken zur Kamera: Bernd, eher statisch in diesem Moment. Soviel zum Thema Ekstase.

Ich habe keine Fotos geschossen auf dieser Party. Doch bei meiner Suche im Netz fand ich nicht nur Bilder, sondern einen kompletten Erfahrungsbericht zu „meiner“ Full Moon Party. Die Überschrift lautet „Wild times“. Wilde Zeiten? Intensive auf jeden Fall. Mit neuen Erfahrungen und interessanten Zeitgenossen.

Die Technomusik von damals gefällt mir noch heute, die Kanäle in meinen Ohren blieben offen. Wer mal reinhören möchte:

52 MInuten Old School Techno Mix 100 % Vinyl: „Finally! Someone on youtube knows what techno is“, kommentierte ein Hörer. By the way: Wer Techno als unsortierten Lärm empfindet und das ändern möchte – es gibt da eine Methode. Persönliche Nachricht an mich bitte.

Und immer immer wieder geht die Sonne auf

Noch stand mir einiges bevor auf meinem Thai-Trip. Der Besuch bei Mr. Bong zum Beispiel. So erinnerte ich den Namen, doch richtig hieß er Mr. Long. Der Bong allerdings war seine Spezialität. Zur vierten und letzten Woche setzten wir über nach Koh Tao, wo wir ein traditionelles deutsches Fest feiern wollten.