Alt werden in Ost und West

David Bowie hatte in seinem Leben viele Alter Egos. An seinem 65. Geburtstag jedoch spürte er vor allem sein altes Ego, denn es wurde kalt erwischt: Von diesem Tag an, so las Bowie, dürfe er kostenlos das Nahverkehrssystem Londons benutzen. Manche Privilegien will man einfach nicht haben. Schon gar nicht die, die einem auf denkbar banale Art zeigen, dass man alt ist.

Im westlichen Kulturkreis ist Alter oft Synonym für Verlust. Für das Nachlassen von Kraft und Energie. Andrè Heller nennt Altern eine „Reise in die große Ermüdung“. Was da vor der Türe lauert, heißt Ruhestand. In Thailand hingegen ist Alter kein Makel, sondern Nachweis einer Lebensleistung. Zieht es deshalb so viele Farang-Rentner ins Königreich? Weil sie hier mehr Respekt genießen und sich auch noch jünger fühlen als in der Heimat? Welches Land sonst bietet Einwanderern schon ausdrücklich ein „Rentenvisum“ an, für das sich jede(r) ab 50 bewerben kann?

Respekt (Foto B. Linnhoff)

Tradition und Hierarchie (und Vermögen) definieren die Gesellschaftsordnung im Königreich. Den Alten und den Eltern gebührt der Respekt, wenn nicht gar die Verehrung der Jüngeren. Es gibt sogar eine Zeremonie, die die Verdienste der SeniorInnen (und der Kranken) würdigt. Suep Chata heißt sie und ist brahmanischen Ursprungs, nicht explizit buddhistisch. Die Menschen im Norden Thailands legen dennoch Wert auf die Anwesenheit buddhistischer Mönche und ihren spirituellen Beistand.

Es ist November und die Sonne scheint in Mae Sapok

Bodo Förster wirkt seit mehr als zwanzig Jahren als Elefantentrainer nahe Chiang Mai. Den absehbar letzten Besuch seiner Eltern aus Thüringen nutzte er, um ihnen mit Suep Chata seine Dankbarkeit zu zeigen: „Mag ich auch in unserem Tal Gutes bewirkt haben, so ist das doch vor allem das Verdienst meiner Eltern, die mir bestimmte Werte vermittelt haben.“

„Es bleibt in der Familie“, heißt das Kapitel in seiner Autobiografie „Mein Leben für die Elefanten“, in dem Bodo Förster den Elterntag mit Mönchen schildert:

White House Lodge (Foto Elephant Special Tours)

Die Sonne scheint an diesem Tag in Mae Sapok, auch im November schenkt sie dem Mitteleuropäer angenehme Temperaturen. Meine Mutter sitzt am langen Tisch draußen vor der White House Lodge.

Tische und Stühle stehen an diesem Sonntag zwar auf sandigem Grund, doch was die Försterin sieht, ist nicht auf Sand gebaut: Die Zentrale des Unternehmens Elephant Special Tours, idyllisch gelegen, 40 Angestellte, professionell geführt.

Eingang zur White House Lodge (Foto B. Linnhoff)

Den Eingang flankieren das Schwarz-Rot-Gold der Flagge Deutschlands, das Rot-Weiß-Blau der Fahne Thailands und das gelbe Tuch des thailändischen Königshauses. Meine Flügel haben mich nach Thailand getragen, doch mit den Wurzeln bleibt Deutschland mein Vaterland und Thüringen meine Heimat – vielleicht haben wir diese Begriffe einfach den falschen Leuten überlassen.

Vor allem Sohn (Foto B. Linnhoff)

Ich bin kein Buddhist geworden in Asien, respektiere jedoch selbstverständlich die Kultur meines Gastlandes und die Werte unserer Karen-Mitarbeiter. Auch der Förster sitzt am langen Tisch, mein Vater. Den Platz zwischen Christa und Herbert behauptet der Chef der Firma, und das bin ich. Wir reden nicht viel, uns verbindet eine gelassene Harmonie. Ich habe wenige Tage vorher die Fünfzig erreicht, und in diesem Moment, Chef hin oder her, bin ich vor allem Sohn.

Wenn meine Mutter von mir, ihrem Erstgeborenen, spricht, sagt sie: „Unser Großer“. In diesen zwei Wörtern schwingen all die Sorgen mit, die ich ihr als wilder Bengel gemacht habe; leise, aber gut hörbar klingt die Liebe durch, die eine Mutter für ein schwieriges Kind empfinden kann. Ganz fein justierte Ohren hören die riesige Erleichterung heraus, dass der Junge nun doch noch angekommen scheint. Nach einem Leben der Extreme, voller Umwege und Sackgassen, reich an Erfahrung und Verlust, der Pleite oft näher als der angenehmen Sicherheit eines gefüllten Kontos. Und manchmal gar dem Tode nahe – der Preis für die stete, achtlose Ausbeutung des eigenen Körpers.

Meine Eltern atmen durch, und sie atmen auf. Ihr Sohn hat aus dem Nichts im fernen Osten etwas aufgebaut, was so noch keiner vor ihm gemacht hat. Sie wissen um den langen Weg dahin und haben die Rückschläge nicht vergessen. Vor allem sehen sie, dass ihr Junge von Menschen umgeben ist, die ihn mögen und sich um ihn kümmern – so wie er sich natürlich auch um sie kümmert.

Mein Vater, mittlerweile 73 Jahre alt, raucht, hustet und schweigt zumeist. Vielleicht denkt er in diesen ruhigen Minuten an den jugendlichen Rebell im eigenen Haus. An die Stunden, da er und ich die Samthandschuhe zur Seite warfen und unsere Diskussionen mit dem verbalen Säbel führten. Wieviel Kraft diese Kämpfe gekostet haben! Ihn und auch mich. 

Blick ins Tal von Mae Sapok (Foto: Julian Jeromin)

Herbert und Christa genießen die Schönheit des Tals und das Zusammensein mit ihrem Ältesten. Vier Wochen lang, so lange war ich zuletzt mit ihnen zusammen, bevor ich das Haus mit 15 verließ.

Im größten Raum unserer Lodge warten etwa vierzig Personen auf den Beginn der Zeremonie.

Foto B. Linnhoff

Die Robenträger treffen ein

Foto B. Linnhoff

Am frühen Nachmittag treffen sieben ehrenwerte Männer ein, an den kurz geschorenen Haaren und den safran- oder orangefarbenen Roben unschwer als buddhistische Mönche zu erkennen. Es sind die Äbte und dienstältesten Mönche der Tempelklöster in den umliegenden Tälern. Ohne sie kein Suep Chata. Mit diesem Ritual wünsche ich den älteren Karen in meinem Unternehmen und meinen Eltern ein langes Leben.

Foto B. Linnhoff

Christa und Herbert sitzen auf Stühlen unter einem Gestell, das aussieht wie ein Indianerzelt im Werden, ohne Plane noch: Lange Holzstangen laufen pyramidenförmig in der Spitze zusammen, sie symbolisieren ein langes Leben. Weiße Baumwollbänder verbinden die Stangen mit den Mönchen und den Menschen, für die dieser Tag gedacht ist.

Foto B. Linnhoff

Ein Mönch bindet weiße Baumwollschnüre um die Handgelenke meiner Mutter. Herberts Gesichtsausdruck ist schwerer zu deuten. Stoisch könnte passen. „Als Kind habe ich einen Weltkrieg überstanden“, denkt er wohl, „da werde ich auch aus dieser Veranstaltung heil rauskommen.“ Dass er als Atheist überhaupt mitmacht, weiß ich zu schätzen. Bei einer christlichen Zeremonie hätte er sich wohl schwerer getan.

Foto B. Linnhoff

Die Mönche rezitieren ihre Gebete, Räucherstäbchen und Kerzenwerden entzündet, Teller mit Opfergaben stehen bereit, Tierfiguren aus Ton auch, Betelnüsse, fermentierte Teeblätter, eine ganze Staude grüner Bananen und gar Zigaretten, deren spirituelle Kraft den meisten Anwesenden bis zu diesem Moment fremd war.

Zum Finale bin ich an der Reihe. Auch ich binde meinen Eltern die weißen Schnüre ums Handgelenk, gebe meiner sichtlich bewegten Mutter einen Kuss, während Herbert weiterhin guckt wie einst Buster Keaton: unbewegt ins Ungefähre.

Stärkung (Foto B. Linnhoff)

Dann ist es vorbei. Die Mönche stärken sich mit grünem Tee, einer raucht heimlich im Schatten eines Baumes, die gemischte Gemeinde wandert gemessenen Schrittes nach draußen in die Nachmittagssonne: Essen ist fertig.

Fotos B. Linnhoff

Erinnerungen zum Dessert

Zum Nachtisch gibt es Erinnerungen. Wer könnte diese Art Dessert besser servieren als eine Mutter, die nichts vergessen hat? Was früher mal Schrecken war und blanke Aufregung, liefert nun Stoff für Anekdoten. Motto: Ende gut, alles gut. Doch den Weichzeichner nimmt Christa nicht in die Hand.

Natalie Pla und Christa Förster (Foto B. Linnhoff)

„Bodo war unser erstes Kind, für die Omas der erste Enkel, der Star der Familie“, erzählt sie interessierten Zuhörern, „anbinden durfte man den nie. Kaum konnte er laufen, war er auch schon unterwegs.“ Grenzen testen, die Welt erkunden, Unruhe verbreiten, von klein auf. „Irgendwann wurde es Gewohnheit, ja Gesetz“, erinnert sich meine Mutter, „wenn es irgendwo in der Natur brannte, wenn irgendwo auch nur Rauch aufstieg, dann bin ich mit dem Handwagen los und einem Eimer Wasser. Ich wusste: Das konnte nur unser Großer gewesen sein.“

Irgendwann am frühen Abend nimmt mein Vater mich zur Seite und sagt: „Bodo, ich bin stolz auf das, was du geleistet hast!“

Herbert ist 2017 gestorben. Lungenkrebs.

Ich habe meinen Traum verwirklicht

Das Leben ist Veränderung, sagte der Buddha schon 500 Jahre vor Christus. Veränderungen waren die einzige Konstante in meinem fernöstlichen Leben. Aber wer hat schon sein Büro im Dschungel? In der wunderbaren Natur Nordthailands habe ich die meiste Zeit verbracht, mit den Elefanten an meiner Seite. Für sie habe ich Verantwortung übernommen und für viele Menschen dazu. Unsere Firma ist der größte Arbeitgeber des Bezirks. Als Elefantenmann erfahre ich in meiner Branche über Grenzen hinweg eine erfreuliche Wertschätzung und vor meiner Haustür die Anerkennung der Karen, meiner Lehrmeister.

Thailand hat mir ermöglicht, meinen Traum mit den Elefanten zu leben. Ich habe diesen Traum verwirklicht, radikal sogar. Ich hatte immer das Gefühl, keine Wahl zu haben. Vielleicht gehöre ich zu denen, die einfach ihr Ding machen müssen: Andere spielen Gitarre, basteln Skulpturen aus Schrott, wieder andere demonstrieren gegen Diktatoren – und ich laufe eben mit Elefanten durch den Wald.

Foto Elephant Special Tours