Ein Pfad zum Glück: Spitznamen in Thailand

Chairat Pipitpattanaprap, Schriftsteller. Schreibt unter dem Namen „Prapt“. Die Leser danken es ihm (Foto: Melalin Mahavongtrakul/Bangkok Post)

Mit dem gängigen „Sawasdee krap Narisara“, begrüßte ich meine Nachbarin in der Thonglor Road, Soi (Seitenstraße) 25. Narisara lautete ihr offizieller Vorname: Die Wundervolle. Weil Thailänder Spitznamen bevorzugen, wurde Narisara „Tuk“ gerufen, was nicht etwa die Abkürzung für Tuk-Tuk ist, sondern eine Kurzform für „tukkata“ ist, Puppe.

An jenem Morgen in Bangkok strahlte Tuk mit der Sonne um die Wette und entgegnete: „Ich heiße nicht mehr Narisara, ich heiße jetzt Anong.“ „Wie bitte?“, fragte ich. „Das letzte Jahr hat mir kein Glück gebracht, jetzt versuche ich es mit einem neuen Namen.“ Anong also, auf Deutsch und sehr wohl passend: Schöne Frau.

Von links nach rechts – oder umgekehrt?
Yao, Toey, Pukki (vorne), Fern, Pim.

Ich habe nie erfahren, ob Narisara der Umstieg auf Anong Glück gebracht hat, denn wenig später zog ich nach Chiang Mai. Aber seit unserem kurzen Dialog wusste ich: Thais können problemlos ihren Namen ändern. Theoretisch jeden Tag und so oft sie wollen. Sie gehen mit ihrem Personalausweis und, falls vorhanden, dem Reisepass zum Bezirksamt, wo der neue Vor- und Nachname dem alten Namen hinzugefügt wird.

Das alles macht mein Leben in diesem Land nicht einfacher. Nach meiner Übersiedlung 2008 lernte ich schnell eine Menge Leute kennen; schon nach einer Woche veor ich den Überblick. Noi („Klein“, weiblich+männlich), Dao („Stern“, weiblich), Ploy („Schmuck“, weiblich), Nok („Vogel“), Porn („Segen“, weiblich, auf Männern liegt offenbar kein Segen), Por, Nat, Tip, Pukki, Tukki, Taeng, On, Od, Aor, Naeng, A, T, manche weiblich, manche männlich, manche beides – wie ihre TrägerInnen. Einige der Namen kann ich nur deshalb rekapitulieren, weil sie in meinem Telefonbuch stehen oder die Menschen dahinter nachhaltigen Eindruck hinterließen. Lek („Klein“, weiblich+männlich) taucht allein drei Mal auf. Warum auch immer.

Oder so (Cartoon: Mike Baird)

Der kleine Vogel in der deutschen Botschaft

Eine ungewollt enge Verbindung zu thailändischen Spitznamen hat eine Berlinerin, die in der Pass- und Visastelle der Deutschen Botschaft in Bangkok arbeitet. Alle vor ihrem Schalter aufschlagenden Thais staunen beim Anblick des Namensschildes: NOKLEK. Auf Thai: Kleiner Vogel. Bei ihr holte ich vor einiger Zeit meinen neuen Reisepass ab. „Ihr Name ist ja für Thais…“, sagte ich, kam aber nicht weit. „Ich weiß“, unterbrach mich Annette Noklek.

Im „Dome“ in Bangkok: „Disco“ und Klaus Dose (folgerichtig lange für Coca-Cola tätig) (Foto: B. Linnhoff)

Von meinem Freund Uwe Wojatzek habe ich gelernt, den Thai-Spitznamen in meinem Telefonbuch Hinweise hinzuzufügen. Lek Kiosk zum Beispiel, denn an Leks Zeitungsstand erstand ich oft die Bangkok Post. Oder auch Lek Climax, weil ich Lek (in diesem Fall weiblich) erstmals in der Diskothek Climax traf. Für den Namen der Disko kann ich nichts.

Uwe hat einen Spitznamen, um den ich ihn beneide. Er wird Disco gerufen, weil er 1982 als Schüler in der 11. Klasse des Ubbo-Emmius-Gymnasiums (wer oder was um Himmels willen ist Ubbo Emmius?) in Leer/Ostfriesland als erster einen Walkman besaß; einer der gängigen Hits damals hieß „D.I.S.C.O.“

Disco jedenfalls behält Jede(r) Thai auf Anhieb. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Wenn Uwe alle Jahre mal einkehrt in Bangkoks Sportbar „Penalty Spot“ (Sukhumvit Road, Soi 29), beliebt wegen der Bundesliga-Liveübertragungen, rufen die Kellnerinnen „Hey, Disco, good to see you!“ und schwingen die Hüften zu imaginärer Musik.

Thai-Nicknames: FiFa hat doch was

Üblicherweise verrenken sich die Thais den Kiefer bei unseren harten, konsonantenreichen westlichen Namen. Hartwig Schüler, Präsident der German All Stars Bangkok, wird deshalb nur Otto gerufen. Und ich Ben und nicht Bernd. Meistens allerdings Lung Ben, alter Onkel. Aber das ist eine andere Geschichte, rechtliche Schritte kann ich nicht ausschließen.

Karl May und Pelé – so fing es an

Mit Karl May und Hadschi Halef Omarundsoweiter fing es an, in meiner Kindheit. Später fand ich heraus, dass sich hinter dem Fußball-Weltstar Pelé ein gebürtiger Edson Arantes do Nascimento verbarg. Seitdem interessiere ich mich für Namen. Vor einigen Jahren machte ein talentierter Spieler im Teenager-Alter Schlagzeilen in Brasilien: Petroswickonicovick Wandeckerkof da Silva Santos. Einen Spitznamen lehnte er ab: „Meine Freunde nennen mich Petroswickonicovick, das muss reichen.“

Es ist auch schon ein Weilchen her, dass ein deutscher Junge auf den Namen Don Armani Karl-Heinz getauft wurde. Mal was anderes als immer nur Kevin. Toll, oder? Für Don Armani Karl-Heinz natürlich nicht so. An ihm werden sich viele Kinder eines Tages abarbeiten. Namen können sehr wohl mehr sein als Schall und Rauch – manchmal stiften sie Identität, manchmal Trauma.

Konstant ist nur die Veränderung

Wie alles im buddhistischen Kosmos, so sind in Thailand eben auch Namen vergänglich. Oder verbale Knetmasse. Was gestern noch in Stein gemeißelt schien, heißt heute schon wieder völlig anders. Nehmen wir ein Reiseporträt in der Bangkok Post. Beschrieben wird eine Jahrhunderte alte Gemeinde inmitten Bangkoks, die Nang Loeng Community, früher E-Loeng Community – und damit geht es schon los.

Bildunterschrift in der Bangkok Post: The Maha Nak area is situated between Nang Loeng and Khlong Phadung Krung Kasem Canal. The canal in this area is also called Khlong Maha Nak. The area where Khlong Phadung Krung Kasem and Khlong Maha Nak meet … joins Khlong Bang Kapi, or Khlong Saen Saeb.

Lesen wir weiter im Reisebericht:

Nang Loeng Community dates back to the construction of Wat Sunthorn Thammathan, or Wat Khae Nang Loeng, in the early 19th century. The temple was first called Wat Sanam…

Chaloem Thani, or Rongnang Nang Loeng, is Bangkok’s oldest cinema…

…its official name was Samakkhi Lilas, but most people referred to this club simply as Ban Ten Ram, or “the dance house”…

Da soll noch einer durchblicken.

Good old Thailand – noch Fragen, warum die Einheimischen Spitznamen bevorzugen? (Foto: Bangkok Post)