„Manchmal ist Schreiben wie Scheiße schaufeln im Sitzen“

Stephen King

 „Nur mit Phantasie lässt sich Wahres erzählen“

Luc Bondy

Bücher – Zuflucht und Glück

Seit ich lesen kann, lese ich. Müsste ich Glück definieren – Lesen wäre eine Option.

Kann sein, dass Karl Mays Winnetou einer meiner ersten Helden war und zwar I bis III. Auch Struwwelpeter, der kleine Muck, Sigurd, Tarzan und die Fünf Freunde kommen in die Wertung, die mir mein schwaches Gedächtnis suggeriert. Ist schließlich schon lange her, die Ära der Abenteuer, für die ich nicht einmal aufstehen musste – ich konnte sie im Sitzen erleben oder gar liegend im Bett.

Es war der Beginn einer lebenslangen Reise quer durch den literarischen Gemüsegarten. Kein Genre blieb verschont, kaum ein Thema. Vor allem in meinen frühen Jahren habe ich mir die Welt durch Bücher erschlossen.

Kurt Tucholsky (“Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind”) und Erich Kästner, der „Moralist ohne Moral“, prägten meine Anschauungen, meine Überzeugungen und Ideale. Mit ihrem Witz, ihrem scharfen intellekt, ihrer Wärme, ihrer Verzweiflung und ihrem untrüglichen Gespür für falsche Töne schrieben sie an gegen Machtmissbrauch, Gier, Menschenverachtung und Zynismus. Gegen die Naztionalsozialisten also. Beide zahlten ihren Preis. Tucholsky beging Selbstmord im Exil; Kästners Bücher wurden öffentlich verbrannt, der Autor stand in der Nähe, unerkannt.

Viele ihrer Texte sind auch hundert Jahre später noch aktuell, auch das ist Genie. Seit ich sie gelesen habe und später Hesse auch, konnte ich mich mit hohlen Parolen, stumpfer Obrigkeit und Macht als Selbstzweck nurmehr schwer arrangieren. “Du hast dir oft im Weg gestanden”, hörte ich dann von denen, die Gelegenheiten besser zu nutzen verstanden.

Auf dem Gymnasium kamen die großen Themen geflogen. „Gibt es Toleranz gegenüber der Intoleranz?“ fragte der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers. Fragen wie diese wollte ich nicht durch eine Antwort entwerten.

Mein Banknachbar Heiko, der heute auf den Philippinen lebt, war deutlich weiter als ich. Schon mit 16 Jahren verstand und verehrte er den großen Philosophen Martin Heidegger, der meine bescheidenen Kapazitäten völlig überforderte. Ich zitiere Heidegger:

„Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“

„Sprache ist lichtend-verbergende Ankunft des Seins selbst.“

Oder so.

Mir reichte damals Heinz Erhardt:

„Ich mag so gerne große Busen,

man kann so schön dazwischen schmusen

und morgens wird man nicht gestört

weil man den Wecker dann nicht hört“


So ein Text hatte viel mehr mit meinem Leben zu tun als Heidegger, selbst wenn ich ihn verstanden hätte. Wer denkt mit 15 schon an Seiendes, wenn der Busen der Nachbarstochter ins Freie drängt? (Cartoon: Playboy) Und wie gerne hätte ich den Wecker überhört, der mich Tag für Tag mitten in der Nacht aus dem Bett und in die Schule jagte!

Henry Miller war der ungekrönte König der einhändigen Lektüre. Seine Bücher standen selbst für Erwachsene lange auf dem Index. Eine ganze Generation Pubertierender träumte davon, ein zerlesenes Exemplar von „Sexus“ in die Hand zu bekommen oder sein „Opus Pistorum“.

Irgendwann hielt mein Freund Heiko den großen Heidegger übrigens für den größten Schwätzer aller Zeiten. Ich hingegen musste mich weder bei Heinz Erhardt noch bei Henry Miller revidieren. Obwohl ich Millers Genie („Stille Tage in Clichy“, „Nexus“) erst später realisierte, nach neuerlicher Lektüre mit modifizierten Prioritäten.

Bei aller Liebe zum gedruckten Wort: Ein Leichtgläubiger war ich nie. Nie wurde mir ein Buch zur Bibel. Stets habe ich mir herausgepickt, was mir gefiel oder meinen Gefühlen, meinem Wissen und den eigenen Erfahrungen standhielt.   

Auf Koh Phi Phi 2002 (Foto: Wolfgang Linnhoff)

Exzessive Leselust birgt die Gefahr, über den Büchern das Leben zu verpassen. Doch ich war leidenschaftlicher Straßenfußballer, da verflüchtigte sich das Introvertierte. Mit 13 Jahren stellte ich mir mein Leben etwa so vor: Zunächst wollte ich Fußball-Nationalspieler werden, sowieso, und danach, das stand früh fest, Sportjournalist. Für die hoffentlich lange Zeit danach sah ich eine steile Wendeltreppe vor mir, die in ein Dachzimmer mit Schräge führte. Darin stand ein bequemer Lesesessel mit einer Leselampe am Kopfende, das heimelige Ensemble beschützt von Regalen voller Bücher bis unter die Decke. Wieso diese Abgeschiedenheit? Wollte ich beim Lesen nicht gestört werden? Oder wollte ich beim Leben nicht gestört werden? Oder wäre später beides eins?

Fußballer und Sportjournalist bin ich geworden, sogar zeitgleich. Nationalspieler nicht. Den Elfenbeinturm gibt es nun en miniature – eine kleine Stube zum Lesen+Schreiben in Thailand.

Von Gutenberg zu Amazon

Obwohl ich bisweilen zur Bequemlichkeit neige und manche Veränderung mit Gleichmut hinnehme, erwog ich erst spät den eBook-Reader als Alternative zum haptischen Erlebnis Buch. Es kam die Zeit, da wollte ich auf meinen häufigen Reisen nicht länger Ziegelsteine mitschleppen wie John Irvings „Zirkus“. Für Billigflieger wie AirAsia gelten heute 7,5 Kilogramm als Maximalgewicht fürs Handgepäck – soviel wogen früher allein die Bücher, die ich im Koffer verstaute.   

War der teilweise Umstieg vom Hardcover zum Digitalen schon schmerzhaft genug, folgte vor meiner Auswanderung die Operation am offenen Herzen. Das nächste und vielleicht letzte Teilstück meines Lebens wollte ich mit leichtem Gepäck bewältigen, buchstäblich und im übertragenen Sinn. So harrten etwa 800 Bücher, darunter manch Urheber tiefer Emotionen und intimster Gedanken, der Entscheidung, ob sie mir von Meerbusch nach Bangkok folgen oder im Altpapier landen würden.  

Einige wenige wollte ich um keinen Preis missen, sie wanderten mit. Heute lese ich fast ausschließlich eBooks. Ausgenommen Bildbände, Reiseführer und ein paar Lustschüsse, die ich unbedingt physisch besitzen möchte. Dennoch stehen in meinen Regalen schon wieder an die 140 Bücher.

Schreiben als Handwerk

In den letzten Jahren erschienen einige Bücher, die sich dem Schreiben als Handwerk widmen. Schade, dass es diese klugen Werke nicht schon vor vierzig Jahren gab, ich hätte so viel dazulernen können. Der Schweizer Constantin Seibt hat mich mit „Deadline“ inspiriert und begeistert. Thriller-Autor Stephen King („On Writing“) überraschte mich mit einem einfachen Rezept für gutes Schreiben: Alle schlechten Wörter raus.

Nun warte ich auf sein Buch mit der Liste der schlechten Wörter.

In jedem „guten“ Buch, ob Novelle oder Wälzer, steckt die Aufforderung, das eigene Leben zu überprüfen. Das setzt voraus, dass die Autoren etwas von sich selbst preisgeben – für mich als Schreiber stets die schwierigste Übung. Denn mir ging es ähnlich wie dem Journalisten Harald Martenstein:

„Man entscheidet sich ja für das Schreiben aus einer Schüchternheit heraus. Mir war der Gedanke unangenehm, auf dem Präsentierteller zu sitzen. Ich fand es viel attraktiver, in einer Ecke herumzulungern, mir etwas anzugucken und mir hinterher darüber Gedanken machen zu dürfen.“

„Doch irgendwann“, hält Francis Ford Coppola dagegen, „musst du dich hinsetzen und etwas aufschreiben. Das bedeutet: Du musst es ausbluten, und das kannst du nur mit deinem eigenem Blut. Deshalb schreibt jeder Autor letztlich über sich und seine Familie. Die meisten verstecken es nur besser. Aber mal ehrlich: Wen kennt man denn überhaupt? Außer sich selbst und seiner Familie?“ 

So schöpfe ich in diesem Blog auch, aber durchaus nicht nur aus der Quelle Familie. Und erfahre dabei immer auch etwas über mich selbst. Meine erste Aufgabe ist es, mich verständlich zu machen. Wie es Udo Lindenberg mit den Texten seines jüngsten Albums versucht hat:

„Das soll ja breitensportmäßig rüberkommen. Die Welt ist schon verschlüsselt genug, da müssen die Texte klar sein für mein Vier-Generationen-Ding. Die Oma zieht die Lederjacke wieder an, und ab geht’s ins Stadion.“

Herausforderung Buch

Ein Buch zu schreiben ist Marathon, ich bin Sprinter. Dennoch habe ich als Co-Autor mit Elefantentrainer Bodo Förster seine Autobiografie in Angriff genommen. „Ein Leben für die Elefanten. Wie ich mir meinen Traum in Thailand erfüllte.“ Anderthalb Jahre dauerte der Prozess, eine schöne Strecke fürwahr. Lehrreich, strapaziös, befriedigend, erhellend. Seitdem bin ich wieder auf der Kurzstrecke unterwegs.

Sitzplatz in der Bibliothek von Alexandria (Foto: Mohammed Kareem)