MIt dem Taxi zurück in den Sommer 1979

Pelé in seinem Soccer Camp 1979 (Foto B. Linnhoff)

Es muss im August 2004 gewesen sein. Wir kamen von der ISPO und fuhren mit dem Taxi zu einem Hotel in Münchens Innenstadt, um noch einen Absacker zu trinken. Vorne neben dem Fahrer saß Reiner Calmund, die Rückbank teilte ich mir mit meinem Kollegen Oliver Wurm. Callis Handy klingelte, er ging dran und drehte sich zu uns um. Er sagte etwas, was zunächst wie Pelle klang, dann legte er den Finger auf seine Lippen und wir schwiegen weisungsgemäß.

Pelé also war am Apparat und er hatte ein Anliegen. Natürlich hörten wir nicht, was der Mann am anderen Ende in Brasilien sagte. Aber wir hörten Calli. Den einen zentralen Satz habe ich behalten, kein Wunder: „I bring you to the Pope.“ Offenbar wusste auch Pelé nicht, ob er seinen Ohren trauen sollte, denn Calmund wiederholte: „Yes, Pelé, I promise. I bring you to the Pope!“

Wir hatten richtig gehört: Reiner Calmund wollte Pelé zum Papst bringen.

Die Fußballszene weiß: Calli kennt Gott und die Welt. Das Netzwerk des Schwergewichts ist Legende. Aber kannte er sogar Gottes Stellvertreter auf Erden?

Und im Taxi dachte ich an den Sommer 1979.

Pelé macht den Jüngsten etwas vor

Stan Libuda, Wolfgang Fahrian, Helmut Haller, Wolfgang Solz und Erich Ribbeck und andere gehörten zu einer deutschen Traditionsmannschaft, die sich am Frankfurter Flughafen traf, um nach New York zu fliegen. Einige schmunzelten über Stan Libuda, er galt als überaus eifersüchtig und marschierte tatsächlich gleich nach der Ankunft zum Münztelefon, um seine Frau Gisela anzurufen.

Gesponsert wurde der Trip von der Firma Portas, die 1979 ihr Fußball-Engagement startete. In New York spielten die Oldies in Freundschaft gegen Cosmos New York mit Franz Beckenbauer. Im riesigen Giant Stadium, bis auf ein paar deutsche Journalisten ohne Zuschauer. Ein Geisterspiel, damals schon.

Foto B. Linnhoff

Am Tag nach dem Spiel fuhren wir etwa 50 Kilometer in den Süden New Yorks, zum Soccer Camp von Pelé. „O Rei“ (Der König), wie er in Brasilien genannt wird, hatte seine Karriere 1977 bei Cosmos New York beendet, wirkte fortan als Markenbotschafter großer Unternehmen oder brachte  amerikanischen Jungen und Mädchen das kleine 1×1 des Fußballs bei.

Da ich nun mal bei Hof gelandet war, bat ich um eine Audienz beim König. Dazu musste ich Pelés Berater und Freund konsultieren, Professor Julio Mazzei, einen ehemaligen Fußballtrainer.

„Dreißig Minuten, okay“ sagte Mazzei, immer freundlich, immer lächelnd und immer ein wenig staatstragend. Damit man nicht vergaß, wie kostbar sie war, die Zeit seines Schützlings.

Warten aufs Interview: Memories

Ich war neun, als ich eines meiner ersten Fußballspiele live im TV sah, bei unseren Nachbarn, denn die hatten ein Fernsehgerät. Es war das WM-Finale 1958 in Stockholm, Brasilien gewann mit atemberaubend schönem Fußball 5:2 gegen Gastgeber Schweden. Ein 17-Jähriger schoss drei atemberaubend schöne Tore und weinte nach dem Abpfiff in den Armen seines Torwarts Gilmar – so erlebte ich erstmals das Jahrhundertalent Pelé.

Wie alle Fußballfans, so verfolgte auch ich seine Karriere. Die Verletzung in der Vorrunde der WM 1962, den Spießrutenlauf bei der WM 1966 im Spiel gegen Portugal, als ihn ein portugisischer Schlächter namens Morais erbarmungslos übers Feld jagte und buchstäblich vom Platz trat.

WM 1966 in England

Die Weltmeisterschaft in Mexiko 1970 gilt bis heute als spielerisch beste aller Zeiten, Brasilien holte den Titel. Noch einmal erlebte die Fußball-Welt den Athleten, Torjäger, Techniker, Strategen und Teamplayer Pelé. Sein Genie bestand für mich vor allem darin, dass er in jeder Situation die beste Lösung für seine Mannschaft fand. Das konnte ein Schuss aus dreißig Metern sein, ein Fallrückzieher, ein Hackentrick, aber eben auch und gar nicht selten der kurze Pass zum besser postierten Mitspieler. Wie beim letzten und schönsten Tor der Brasilianer im WM-Finale gegen Italien, als Pelé den Ball mit dem rechten Außenspann perfekt in den Lauf des Schützen Carlos Alberto legte.

Weltmeister 1970

Neun Jahre nach der WM in Mexiko erwartete ich auf einem College-Campus nahe New York den damals unstrittig besten Fußballspieler aller Zeiten. Dem gleichwohl der Ruf vorauseilte, bodenständig und frei von Allüren zu sein. Mit dabei war mein Kollege Jörg Wigand, Chefreporter der Bild am Sonntag seinerzeit, er machte freundlicherweise ein paar Fotos.

Zum Start gleich sprachlos

Prof. Mazzei (links): „Dreißig Minuten, keine Minute länger.“ (Foto: Jörg Wigand)

Pelé setzte sich zu uns auf den Rasen. Jörg und ich stellten uns vor, Pelé eröffnete das Gespräch mit „Please excuse my bad English – Bitte entschuldigt mein schlechtes Englisch.“ Das warf mich erst einmal aus der Bahn. Es dauerte eine Minute, bis ich mein eigenes Englisch wiederfand, da waren es nur noch 29 Minuten.

Foto B. Linnhoff

„Trainer werde ich nie“, sagte Pelé, „ich sehe es ja hier, wenn ich vor den Mädchen und Jungen stehe – ich kann alles vormachen, aber nur schwer erklären. Was ich auf dem Platz machte oder mit dem Ball, war immer Intuition und Instinkt.“

Stimmte es denn, dass er nach dem WM-Finale 1970 in die brasilianische Kabine gestürmt war und immer wieder gerufen hatte: „Ich bin noch nicht tot! Ich bin noch nicht tot! “ „Das war so“, antwortete Pelé und wurde gleich etwas lauter, „selbst meine Mannschaftskameraden haben sich erschrocken. Ich hatte soviele Demütigungen hinter mir. In der Heimat traute mir keiner mehr etwas zu. Ich habe es allen gezeigt, das musste dann auch raus!“

Foto: Jörg Wigand

Als die dreißig Minuten vorbei waren, dachte Pelé gar nicht daran, das Gespräch zu beenden. Ich war so auf die 30 Minuten fixiert, dass mir im Moment nichts mehr einfiel, doch glücklicherweise sprang mein Kollege Jörg Wigand in die Bresche, der sich bis dahin vornehm zurückgehalten hatte. So saßen wir noch einige Zeit zusammen.

2005 in Köln: Calli brachte Pelé zum Papst

Calli, Pelé und der junge Lukas Podolski 2005 in Köln (Foto: Express)

Reiner Calmund hielt Wort. Keine Ahnung, wie er das hinbekam. Im August 2005, anlässlich des XX. Weltjugendtags in Köln, war der frischgebackene deutsche Pontifex Benedikt XVI. in der Stadt und gewährte Pelé eine Audienz. Bei seiner Pressekonferenz wenig später wirkte der Brasilianer so gelöst, als sei er gerade seliggesprochen worden. Nach der PK wartete ich einen geeigneten Moment ab, um ihm die Fotos von 1979 zu zeigen.

2005 in Köln (Foto: Achim Scheidsteger/dpa)

„One of us got older, and it`s not you“, sagte ich – ob auf Bildern oder live, habe ich Pelé immer als alterslos empfunden. Er lachte, deutete auf ein Bild und fragte: „Wo war das denn?“ Und ehe ich antworten konnte: „Und hier, schau, mein Freund Julio Mazzei, das ist lange her, oder?“ Schließlich fragte er: „What`s your name again?” Als Mann von Welt packte ich fünfzig Prozent meiner Portugiesisch-Kenntnisse aus: „Bernardo.”

Er signierte das Bild, und so konnte ich auch die anderen fünfzig Prozent einwerfen: „Obrigado – danke.“

Die Zeit vergeht

Pelé ist heute 79 Jahre alt; Meldungen, er leide an Depressionen, hat er dementiert. Sein Vertrauter Julio Mazzei, der lebenslang Fußball-Begeisterte, erkrankte am Ende seines Lebens an Alzheimer und starb am 10. Mai 2009 in Santos – da, wo sich die Wege der beiden erstmals gekreuzt hatten. Das Foto mit Pelé und mir in Köln schoss mein Freund Achim Scheidsteger (dpa) – er starb vor einigen Jahren. Den Kontakt zu Jörg Wigand, dem geschätzten Kollegen, habe ich verloren. Calli hat gerade fünfzig Kilo abgenommen; er ist putzmunter und in den deutschen Medien präsent wie eh und je. Mittlerweile kennt ihn Gott und die Welt.